Das „Weserbild“ – eine Spurensuche

Ein Bild hängt an meiner Küchenwand. Es ist ein „Erbstück“, in der dritten Generation in Familienbesitz und soll die Weser zeigen. Die Geschichte dahinter kann mir leider keiner mehr erzählen und so musste ich selber auf Spurensuche gehen und war erstaunt, was man tatsächlich alles herausfinden kann.

Aber, lest selbst:

Nach dem Tod meiner Mutter und dem Umzug meines Vaters in ein Pflegeheim, kam bei der Auflösung unseres Elternhauses ein Ölgemälde zu mir, das lange Zeit bei meinen Eltern in dem Raum vor der Küche in der Essecke hing. Meine Mutter hatte es nach dem Tod ihres Vaters übernommen. Bei meinen Großeltern hing es lange Zeit ebenfalls über den Esstisch, aber auch längere Zeit im Wohnzimmer.

Es ist somit eine Art Familienbild nun in der dritten Generation in Familienbesitz, das für die Verbindung zum Weserbergland steht. Nun ist über das Bild (Abb. 1) relativ wenig bekannt und auch leider niemand mehr da, der dessen Geschichte erzählen könnte. Es ist völlig unklar, wie meine Großeltern in Besitz des Bildes kamen und wie dessen Entstehungsgeschichte war.

Abb. 1: Das „Weserbild“ von Helmut Hermann-Nepolsky – in der dritten Generation in Familienbesitz

Auch der Maler ist eher eine nebulöse Gestalt – wie viele Menschen, die vor dem Internet-Zeitalter lebten, lassen sich kaum digitalen Spuren zu seiner Person finden. Helmut Hermann-Nepolsky wurde am 08. März 1902 (vermutlich in Peine) geboren. Er lebte und arbeitete in Hameln, wo er während der Zweiten Weltkrieges der Deister-Weser-Zeitung (DeWeZet) als Redakteur zugewiesen wurde. Er war Turnierreiter und malte gerne Pferde.

Das weiß ich, weil mein Großvater die Meldung zum 80. Geburtstag aus der Zeitung ausgeschnitten und hinten auf das Bild geklebt hat (siehe Abb. 2). Als Enkelkinder haben wir es immer gehasst, dass mein Großvater ständig Foto- und Poesie-Alben eigenmächtig umdekoriert und gerne Bilder und Überschriften, die er bevorzugt aus der „HörZu“ ausgeschnitten hatte, einfach ungefragt dazu geklebt hat. In diesem Fall bin ich aber ganz dankbar, dass er den Artikel hinten auf das Bild geklebt hat (und nicht vorne drauf!) – sonst hätten wir noch weniger über den Maler gewusst, über den es auch keinen Wikipedia-Eintrag gibt.

Abb. 2: Dieser Zeitungsartikel aus der DeWeZet kliebte auf der Rückseite des „Weserbildes“

Dass er so unbekannt ist, macht seine Arbeiten, wenn sie als Dachkammer- oder Keller-Fund ihren Weg zu Online-Verkaufsplattformen finden , auch recht günstig. Wie sollte man den Wert der Arbeiten eines Künstlers bewerten, den das Internet nicht kennt? So konnte ich recht einfach vor Weihnachten 2025 zwei Bilder von ihm über „ebay“ und „kleinanzeigen“ kaufen (siehe Abb. 3), die ich jeweils für etwas über 60 Euro kaufen konnte. In einer Online-Auktion im Januar 2026 kam noch unerwartet ein weiteres Bild dazu, das ich für einen Euro ersteigern konnte.

So viel vorweg: Das „Weserbild“ wird also vermutlich keine Kapitalanlage sein.

Abb. 3: Zwei weitere Bilder von Helmut Hermann-Nepolsky – das Gemälde mit der Frau am Fenster ist auf den 03. August 1925 datiert, die Pferde am Pflug haben kein Datum.

Die Spurensuche nach dem Künstler wird sicher noch eine eigene Geschichte werden. Aber was kann uns das Bild erzählen?

Ich wusste nicht, wo es gemalt wurde und was es konkret zeigt. Ich war der Meinung, dass jemand früher mal gesagt habe, das Bild zeige „Die Weser bei Fuhlen“. Tatsächlich gibt es zwischen Hessisch Oldendorf (wo meine Großeltern lebten) und Fischbeck (wo mein Urgroßvater als Dachdecker den Kirchturm mal falsch eingedeckt haben soll) eine Flussschleife (Abb. 4A). Damit würde im Hintergrund des Bildes Fischbeck zusehen sein. Eine schöne Geschichte, die irgendwie schlüssig klingt – aber falsch ist.

Abb. 4: Die falsche und die korrekte Perspektive – wie die korrekte Perspektive (B) ermittelt werden konnte, erfahrt ihr weiter unten im Text.

Des Rätsels Lösung war am Ende überraschend einfach: Ich habe bei Google einfach die Suchbegriffe „Ölgemälde Weser“ eingegeben und bin dabei direkt auf zwei Bilder gestoßen, die meinen „Weserbild“ tatsächlich sehr ähneln – geradezu identisch wirken! Beide stammen von Fritz Thate. Das Erste trägt den Titel „Weserbogen“ und wurde bei „ebay“ im Februar 2026 für 200 Euro angeboten (Abb. 5A). Im Beschreibungstext wird von einem „seltenen Landschaftsbild“ gesprochen. Ferner heißt es dort: “ In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts betrieb Thate sein Atelier in Braunschweig. Hier entstanden die wenigen ‚Nicht-Harzbilder‘ (…).“

Abb. 5: Zwei fast identische, „seltene“ Weserbilder von Fritz Thate in Online-Verkäufen (Screenshots: Februar 2026)

Tatsächlich gibt es für Fritz Thate, dem „Harzmaler“, einen Wikipedia-Eintrag und seine Bilder sind schlagartig etwas wert. Vor allem seine Harz-Bilder kratzen von unten an der Tausend-Euro-Marke. Vermutlich der selbe Verkäufer bietet das selbe Bild zur gleichen Zeit auf „kleinanzeigen“ für 215 Euro an (von vormals 300 Euro bereits reduziert). Das Bild wird auch auf anderen Webseiten angeboten und kostet dort teilweise über 2.500 Euro. Also: Augen auf beim Ölbild-Kauf! Tatsächlich ist auch die Bezeichnung „Weserbogen“ irritierend, denn so wird eigentlich der große Bogen der Weser rund um die Porta Westfalica genannt.

Das weitere „seltene“ Weserbild von Fritz Thate sieht genauso aus und heißt „Hameln – Blick vom Felsenkeller“, ist auf 1938 datiert und wird auf „kleinanzeigen“ für 190 Euro angeboten (Abb. 5B). Es liefert den entscheidenden Hinweis: Der Felsenkeller war scheinbar ein beliebtes Hamelner Ausflugslokal mit Terrasse über der Weser. Und wenn man nun „Weser, Hameln, Felsenkeller“ im Internet sucht, bekommt man sehr schnell historische Postkarten angezeigt, die genau die Ansicht meines „Weserbildes“ wiedergeben (Abb. 6).

Abb. 6: Auszug aus einer Angebotsübersicht historischer Postkarten mit Blick auf die Weserschleife bei Hameln (Screenshot von heimatsammlung.de: Februar 2026)

Tatsächlich fand ich eine der Postkarten (die das handschriftliche Datum „27.8.59“ trägt) so frappierend ähnlich, dass ich sie mir für sieben Euro im Internet gekauft habe. Ich habe sie zuhause eingescannt und transparent über mein „Weserbild“ gelegt (Abb. 7). Wenn man die Postkarte etwas in der Höhe staucht (Abb. 7 Nr. 1) und sie dann etwas in die Breite zieht (Abb. 7 Nr. 2), kann man den gegenüberliegenden Höhenzug und den Flussverlauf fast deckungsgleich bekommen.

Abweichungen gibt es bei der Landzunge links (Abb. 7 Nr. A) sowie bei der Uferbebauung rechts (Abb. 7 Nr. B). Dafür ist der Baum oder Busch im Vordergrund (Abb. 7 Nr. C) fast deckungsgleich.

Abb. 7: Die Postkarten vom Felsenkeller-Hameln in Hameln über mein „Weserbild“ gelegt.

Damit ist für mich das Thema Ort hinreichend belegt und ich werde bestimmt bald mal selber dorthin fahren, um meine Theorie mit eigenen Augen zu überprüfen.

Nach dem Ort bleibt das nun die Frage nach der Zeit. Hermann-Nepolsky ist 1902 geboren und als er 80 Jahre alt wurde, war das Bild bereits im Besitz meiner Großeltern, ansonsten hätte mein Opa nicht den Zeitungsartikel auf die Rückseite kleben können. Das ist noch ein recht großes Zeitfenster.

Wir wissen auch nicht wie gegenständlich und realitätsnah Helmut Hermann-Nepolsky gemalt hat und wie viel künstlerischen Freiraum er sich selbst zugestanden hat. Auf der linken Uferseite zwischen der ersten und des zweiten Baumgruppe gab ein Fluss-Schwimmbad und vermutlich auch einen Schuppen eines Ruder-Clubs. Auf der Postkarte sind dort ein paar Schuppen und Ruderboote auf dem Fluss zu sehen (Abb. 7 Nr. A). Auf dem undatierten Bild von Fritz Thate (Abb. 5A) und meinem „Weserbild“ ist an dieser Stelle nichts zu sehen.

Auf dem Fritz Thate Bild von 1938 (Abb. 5B) ragt an dieser Stelle auch Mole in den Fluss, die vermutlich mit irgendeiner Art der Nutzung des Ufers zusammenhängen könnte.

Die ⏩ DeWeZet hat auf ihrer Website in dem Beitrag „In der Weser schwimmen?“ (vom 06.09.2014) eine interaktive Karte, die Standorte historischer Flussbäder rund um Hameln zeigt. Wenn man auf dieser Karte den südlichsten Punkt (Nr. 17) anklickt, sieht man ein Bild der alten Militär-Badeanstalt, die exakt an der Stelle am linken Ufer stand (Abb. 7 Nr. A) und von zwei Molen begrenzt war. Die Jahreszahl „1910“ bezieht sich vermutlich auf den Zeitpunkt der Aufnahme.

Auf der ⏩ Website des Stadtarchivs heißt es zur Badegeschichte: „Auch an der Weser wurde ‚wild‘ gebadet, so dass die Stadt Hameln im Sommer des Jahres 1850 eine durch Aufsichtspersonal überwachte Badestelle an der Weser einrichtete. Sie lag auf dem Flurstück ‚Im Westen‘ oberhalb der Hafeneinmündung, dem Felsenkeller gegenüber.“

In wie weit es auch einen Zusammenhang mit „Flussbadeanstalt Hafen“ (auf der DeWeZet-Karte Nr. 15) geben könnte, ist mir gerade nicht ganz klar, weil ich keine Bilder mit der passenden Perspektive finden kann. Zumindest sieht man auf den Aufnahmen aus den frühen 1950er Jahren ebenfalls eine begrenzende Flussmole (wie auf dem Thate-Bild von 1938).

Diese Flussbadeanstalt wurde kurz nach den Bildern von 1951 geschlossen. Mein „Weserbild“ weist an der Stelle gegenüber des Felsenkellers keinerlei Bebauung und auch keine Mole auf. Es kann angenommen werden, dass das Bild von Hermann-Nepolsky nach dem Rückbau entstanden ist.

Da das „Weserbild“ auf dem Verlobungsfoto meiner Eltern aus Dezember 1964 (im Hintergrund) im Wohnzimmer meiner Großeltern zu sehen ist, vermute ich mal, dass es in der zweiten Hälfte, der 1950er Jahre entstanden sein könnte. Dafür spricht auch der schlichtere Rahmen aus weiß lasierten Holz mit Goldkante.

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