Hasst ihr das auch so? Ihr kauft ein gebrauchtes Buch „mit geringen Gebrauchsspuren“ und ist ist vollgekritzelt mit Unterstreichungen und handschriftlichen Anmerkungen???
Das ging mir schon an der Uni so: Ich kann Texte nicht in Ruhe lesen, wenn andere hervorgehoben haben, was sie für wichtig hielten.
Gerade habe ich – aus Gründen – mit dem Buch „Das letzte Hemd ist bunt“ von Fritz Roth zum Thema Trauerkultur und Umgang mit dem Tod in unserer Gesellschaft begonnen und konnte mich kaum auf den Text konzentrieren, weil bei der vorherigen Lektüre, irgendjemand „ordentlich mit dem Text gearbeitet“ hat.
Irritierend fand ich, dass diese Unterstreichungen und Anmerkungen völlig abdruckfrei in dem Buch hinterlassen wurden, so dass ich mich gefragt habe, ob dies ein Teil des redaktionellen Konzeptes war. Aber im Internet steht nichts dazu – und ich dachte, wenn jedes Exemplar so aussähe, hätte jemand schon irgendwo seine oder ihre Verwunderung oder Begeisterung darüber geäußert. Aber ich habe nichts gefunden.
Falls ihr das Buch zuhause, guckt doch bitte mal rein, ob eure Seiten 26 und 27 genauso aussehen.
Und ganz komisch: Ab Seite 30 findet sich überhaupt keine Markierung mehr – als habe die Vorbesitzerin oder der Vorbesitzer die Lektüre nach dem ersten Kapitel eingestellt …
Was haltet ihr davon, wenn Leute nur mit Stift lesen können?
Ein Bild hängt an meiner Küchenwand. Es ist ein „Erbstück“, in der dritten Generation in Familienbesitz und soll die Weser zeigen. Die Geschichte dahinter kann mir leider keiner mehr erzählen und so musste ich selber auf Spurensuche gehen und war erstaunt, was man tatsächlich alles herausfinden kann.
Aber, lest selbst:
Nach dem Tod meiner Mutter und dem Umzug meines Vaters in ein Pflegeheim, kam bei der Auflösung unseres Elternhauses ein Ölgemälde zu mir, das lange Zeit bei meinen Eltern in dem Raum vor der Küche in der Essecke hing. Meine Mutter hatte es nach dem Tod ihres Vaters übernommen. Bei meinen Großeltern hing es lange Zeit ebenfalls über den Esstisch, aber auch längere Zeit im Wohnzimmer.
Es ist somit eine Art Familienbild, das für die Verbindung zum Weserbergland steht, was sich nun in der dritten Generation in Familienbesitz befindet. Nun ist über das Bild (Abb. 1) relativ wenig bekannt und auch leider niemand mehr da, der dessen Geschichte erzählen könnte. Es ist völlig unklar, wie meine Großeltern in Besitz des Bildes kamen und wie dessen Entstehungsgeschichte war.
Abb. 1: Das „Weserbild“ von Helmut Hermann-Nepolsky – in der dritten Generation in Familienbesitz
Auch der Maler ist eher eine nebulöse Gestalt – wie viele Menschen, die vor dem Internet-Zeitalter lebten, lassen sich kaum digitalen Spuren zu seiner Person finden. Helmut Hermann-Nepolsky wurde am 08. März 1902 (vermutlich in Peine) geboren. Er lebte und arbeitete in Hameln, wo er während der Zweiten Weltkrieges der Deister-Weser-Zeitung (DeWeZet) als Redakteur zugewiesen wurde. Er war Turnierreiter und malte gerne Pferde.
Das weiß ich, weil mein Großvater die Meldung zum 80. Geburtstag des Malers aus der Zeitung ausgeschnitten und hinten auf das Bild geklebt hat (siehe Abb. 2). Als Enkelkinder haben wir es immer gehasst, dass mein Großvater ständig Foto- und Poesie-Alben eigenmächtig umdekoriert und gerne Bilder und Überschriften, die er bevorzugt aus der „HörZu“ ausgeschnitten hatte, einfach ungefragt dazu geklebt hat. In diesem Fall bin ich aber ganz dankbar, dass er den Artikel hinten auf das Bild geklebt hat (und nicht vorne drauf!) – sonst hätten wir noch weniger über den Maler gewusst, über den es auch keinen Wikipedia-Eintrag gibt.
Abb. 2: Dieser Zeitungsartikel aus der DeWeZet klebte auf der Rückseite des „Weserbildes“
Dass er so unbekannt ist, macht seine Arbeiten, wenn sie als Dachkammer- oder Keller-Fund ihren Weg zu Online-Verkaufsplattformen finden, auch recht günstig. Wie sollte man den Wert der Arbeiten eines Künstlers bewerten, den das Internet nicht kennt? So konnte ich recht einfach vor Weihnachten 2025 zwei Bilder von ihm über „ebay“ und „kleinanzeigen“ kaufen (siehe Abb. 3). Beide konnte ich jeweils für etwas über 60 Euro kaufen. In einer Online-Auktion im Januar 2026 kam noch unerwartet ein weiteres Bild dazu, das ich für einen Euro ersteigern konnte.
So viel vorweg: Das „Weserbild“ wird also vermutlich keine Kapitalanlage sein.
Abb. 3: Zwei weitere Bilder von Helmut Hermann-Nepolsky – das Gemälde mit der Frau am Fenster ist auf den 03. August 1925 datiert, die Pferde am Pflug sind ohne Datum.
Die Spurensuche nach dem Künstler wird sicher noch eine eigene Geschichte werden. Aber was kann uns das Bild erzählen?
Ich wusste nicht, wo es gemalt wurde und was es konkret zeigt. Ich war der Meinung, dass jemand früher mal gesagt habe, das Bild zeige „Die Weser bei Fuhlen“. Tatsächlich gibt es zwischen Hessisch Oldendorf (wo meine Großeltern lebten) und Fischbeck (wo mein Urgroßvater als Dachdecker den Kirchturm mal falsch eingedeckt haben soll) eine Flussschleife nördlich von Fuhlen (Abb. 4A). Damit würde im Hintergrund des Bildes Fischbeck zusehen sein. Eine schöne Geschichte, die irgendwie schlüssig klingt – aber falsch ist.
Abb. 4: Die falsche und die korrekte Perspektive – wie die korrekte Perspektive (B) ermittelt werden konnte, erfahrt ihr weiter unten im Text.
Des Rätsels Lösung war am Ende überraschend einfach: Ich habe bei Google einfach die Suchbegriffe „Ölgemälde Weser“ eingegeben und bin dabei direkt auf zwei Bilder gestoßen, die meinen „Weserbild“ tatsächlich sehr ähneln – geradezu identisch wirken! Beide stammen von Fritz Thate. Das Erste trägt den Titel „Weserbogen“ und wurde bei „ebay“ im Februar 2026 für 200 Euro angeboten (Abb. 5A). Im Beschreibungstext wird von einem „seltenen Landschaftsbild“ gesprochen. Ferner heißt es dort: “ In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts betrieb Thate sein Atelier in Braunschweig. Hier entstanden die wenigen ‚Nicht-Harzbilder‘ (…).“
Abb. 5: Zwei fast identische, „seltene“ Weserbilder von Fritz Thate in Online-Verkäufen (Screenshots: Februar 2026)
Tatsächlich gibt es für ⏩ Fritz Thate, dem „Harzmaler“, einen Wikipedia-Eintrag und seine Bilder sind schlagartig etwas wert. Vor allem seine Harz-Bilder kratzen von unten an der Tausend-Euro-Marke. Vermutlich der selbe Verkäufer bietet das selbe Bild zur gleichen Zeit auf „kleinanzeigen“ für 215 Euro an (von vormals 300 Euro und zwischenzeitlich bereits reduziert). Das Bild wird auch auf anderen Webseiten angeboten und kostet dort teilweise über 2.500 Euro. Also: Augen auf beim Ölbild-Kauf! Tatsächlich ist auch die Bezeichnung „Weserbogen“ irritierend, denn so wird eigentlich der große Bogen der Weser rund um die Porta Westfalica genannt.
Das zweite „seltene“ Weserbild von Fritz Thate sieht genauso aus und heißt „Hameln – Blick vom Felsenkeller“ und ist auf 1938 datiert. Es wird auf „kleinanzeigen“ für 190 Euro angeboten (Abb. 5B). Es liefert den entscheidenden Hinweis: Der „Felsenkeller“ war scheinbar ein beliebtes Hamelner Ausflugslokal mit Terrasse über der Weser. Und wenn man nun „Weser, Hameln, Felsenkeller“ im Internet sucht, bekommt man sehr schnell historische Postkarten angezeigt, die genau die Ansicht meines „Weserbildes“ wiedergeben (Abb. 6).
Abb. 6: Auszug aus einer Angebotsübersicht historischer Postkarten mit Blick auf die Weserschleife bei Hameln (Screenshot von ⏩ heimatsammlung.de: Februar 2026)
Tatsächlich fand ich eine der Postkarten (die das handschriftliche Datum „27.8.59“ trägt) so frappierend ähnlich, dass ich sie mir für sieben Euro im Internet gekauft habe. Ich habe sie zuhause eingescannt und transparent über mein „Weserbild“ gelegt (Abb. 7). Wenn man die Postkarte etwas in der Höhe staucht (Abb. 7 Nr. 1) und sie dann etwas in die Breite zieht (Abb. 7 Nr. 2), kann man den gegenüberliegenden Höhenzug und den Flussverlauf fast deckungsgleich bekommen.
Abweichungen gibt es bei der Landzunge links (Abb. 7 Nr. A) sowie bei der Uferbebauung rechts (Abb. 7 Nr. B). Dafür ist der Baum oder Busch im Vordergrund (Abb. 7 Nr. C) fast deckungsgleich.
Abb. 7: Die Postkarten vom Felsenkeller-Hameln in Hameln über mein „Weserbild“ gelegt.
Damit ist für mich das Thema „Ort“ hinreichend belegt und ich werde bestimmt bald mal selber dorthin fahren, um meine Theorie mit eigenen Augen zu überprüfen.
Nach dem Ort, bleibt dann nun die Frage nach der Zeit. Hermann-Nepolsky ist 1902 geboren und als er 80 Jahre alt wurde, war das Bild bereits im Besitz meiner Großeltern, ansonsten hätte mein Opa nicht den Zeitungsartikel auf die Rückseite kleben können. Das ist aber noch ein recht großes Zeitfenster.
Wir wissen auch nicht, wie gegenständlich und realitätsnah Helmut Hermann-Nepolsky gemalt hat und wie viel künstlerischen Freiraum er sich selbst zugestanden hat. Auf der linken Uferseite zwischen der ersten und des zweiten Baumgruppe gab ein Fluss-Schwimmbad und vermutlich auch einen Schuppen eines Ruder-Clubs. Auf der Postkarte sind dort ein paar Schuppen und Ruderboote auf dem Fluss zu sehen (Abb. 7 Nr. A). Auf dem undatierten Bild von Fritz Thate (Abb. 5A) und meinem „Weserbild“ ist an dieser Stelle nichts zu sehen.
Auf dem Fritz Thate Bild von 1938 (Abb. 5B) ragt an dieser Stelle auch Mole in den Fluss, die vermutlich mit irgendeiner Art der Nutzung des Ufers zusammenhängen könnte.
Die ⏩ DeWeZet hat auf ihrer Website in dem Beitrag „In der Weser schwimmen?“ (vom 06.09.2014) eine interaktive Karte, die Standorte historischer Flussbäder rund um Hameln zeigt. Wenn man auf dieser Karte den südlichsten Punkt (Nr. 17) anklickt, sieht man ein Bild der alten Militär-Badeanstalt, die exakt an der Stelle am linken Ufer stand (Abb. 7 Nr. A) und von zwei Molen begrenzt war. Die Jahreszahl „1910“ bezieht sich vermutlich auf den Zeitpunkt der Aufnahme.
Auf der ⏩ Website des Stadtarchivs heißt es zur Badegeschichte: „Auch an der Weser wurde ‚wild‘ gebadet, so dass die Stadt Hameln im Sommer des Jahres 1850 eine durch Aufsichtspersonal überwachte Badestelle an der Weser einrichtete. Sie lag auf dem Flurstück ‚Im Westen‘ oberhalb der Hafeneinmündung, dem Felsenkeller gegenüber.“
In wie weit es auch einen Zusammenhang mit „Flussbadeanstalt Hafen“ (auf der DeWeZet-Karte Nr. 15) geben könnte, ist mir gerade nicht ganz klar, weil ich keine Bilder mit der passenden Perspektive finden kann. Zumindest sieht man auf den Aufnahmen aus den frühen 1950er Jahren ebenfalls eine begrenzende Flussmole (wie auf dem Thate-Bild von 1938).
Diese Flussbadeanstalt wurde kurz nach den Bildern von 1951 geschlossen. Mein „Weserbild“ weist an der Stelle gegenüber des Felsenkellers keinerlei Bebauung und auch keine Mole auf. Es kann angenommen werden, dass das Bild von Hermann-Nepolsky nach dem Rückbau entstanden ist.
Da das „Weserbild“ auf dem Verlobungsfoto meiner Eltern aus Dezember 1964 (im Hintergrund) im Wohnzimmer meiner Großeltern zu sehen ist, vermute ich mal, dass es in der zweiten Hälfte, der 1950er Jahre entstanden sein könnte. Dafür spricht auch der schlichtere Rahmen aus weiß lasierten Holz mit Goldkante.
Die „Dead Internet Theory“ ist eine Verschwörungstheorie. Da ist sich das Internet an vielen Stellen einig. Aber, wenn man sich die aktuellen Entwicklungen anschaut ist, ist sie nicht ganz so abwegig wie die Existenz Bielefelds.
„Die Dead Internet Theory besteht aus zwei Behauptungen. Zum einen behauptet die Theorie, das Internet sei ab 2016 oder 2017 „tot“. Damit ist gemeint, dass hauptsächlich Bots interagieren würden und die menschliche Interaktion nur noch einen Bruchteil ausmache. Zum anderen geht damit meistens die Annahme einher, dass eine geheime Gruppe (oder eine künstliche Intelligenz selbst) das Internet nutze, um Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung via Desinformation und Fake News zu nehmen.“
So weit die ⏩Wikipedia – total irre oder doch inzwischen nicht mehr so gänzlich durchgeknallt? Wenn der reichste Mensch der Welt mit seiner eigenen ⏩Privat-KI eine Online-Enzyklopädie erstellen lässt, die die Welt nach seinen Vorstellungen erklärt, dann sind Teile der „Verschwörung“ bereits Realität. Wenn der Reddit-Mitbegründer ⏩Alexis Ohanian in der Youtube Tech-Show TBPN davon spricht oder der News-Influencer Fabian Grischkat auf dem Kommunikationskongress 2025 in Berlin in einem Vortrag unter dem Titel „Das Geschäft mit Fake News“ von der Zunahme des von Bots generierten Datenverkehrs spricht, scheint das Ganze nicht vollständig an den Haaren herbeigezogen zu sein.
Dass das Volumen des Bot generierten Datenverkehrs steigt, ist statistisch messbar:
Zählen wir die schädlichen und unschädlichen Bot zusammen (denn die Verschwörungstheorie geht von Bot generierten Datenverkehr ohne Vorzeichen aus), so betrug der Anteil in 2019 37,2 Prozent und in 2023 bereits 49,6 Prozent. Also fast die Hälfte – wenn auch nicht die Mehrheit, also ganz knapp noch nicht die Mehrheit. Aber vielleicht steckt ja auch schon bereits Verschwörung dahinter, dass die Zahlen nicht weiter erhoben wurden, kurz bevor der Anteil kippte.
Ich musste an das Buch „Das Digitale Debakel“ von Andrew Keen aus 2015 denken, dass ich erst neulich geschafft habe zu lesen. Da stand bereits vor zehn Jahren auf dem Buchdeckel: „Warum das Internet gescheitert ist – und wie wir es retten können“. Vermutlich nicht prophetisch, sondern das Ergebnis guter Beobachtung und vorausschauender Bewertung. Im Kern geht es um die kapitalistische Vermachtung von virtuellen Räumen. Algorithmen sorgen dafür, dass zum Beispiel nur ein Prozent der Content-Creator Sichtbarkeit und ggf. auch mikroskopische Gewinnanteile: „Die Spielregeln der New Economy sind daher dieselben wie in der Old Economy – nur mit Aufputschmitteln. (S. 62) Es verschwindet die Mitte, die durchschnittlichen Nutzerinnen und Nutzer, die sich in der Unsichtbarkeit der digitalen Weiten auflösen.
Das sind nicht direkt Todesvisionen, aber durchaus sich abschwächende Vitalzeichen. Tatsächlich sucht der Mensch weiterhin den anderen Menschen – biologistisch bleiben wir Herdentiere. Uns missfällt daher die Vorstellung, dass wir im Netz nur noch Bots kommunizieren. Je weniger Menschen digital aktiv sind, desto massiver muss der Bot-Einsatz werden, um die letzten Überlebenden aufzuspüren und zum Handeln zu bewegen. Denn es ist eher unwahrscheinlich, dass künftig Bot bei anderen Bot einkaufen gehen werden – und wenn der Geldstrom stillsteht, ist auch das Internet tot.
„In erster Linie sehr viele Nerven ….“ werden sicherlich etliche weibliche Leserinnen denken. Aber hier geht es tatsächlich um Geld und konkrete Summen.
Spoiler: Männer kosten der Gesellschaft über 60 Milliarden Euro zusätzlich – also nur in Deutschland, auch nur konservativ überschlagen und nur einberechnet, wovon überhaupt Zahlen direkter Kosten vorliegen.
Bei den messbaren Kosten geht es um Haftstrafen, häusliche Gewalt, Drogenkomsum, Diebstahl, Wirtschaftskriminalität, ungesunde Ernährung, Fußball-Randale und Verkehrs-Rowdietum. In all diesen Felder haben die Herren der Schöpfung die Nase ganz weit vorne. Der Anteil den Frauen an diesen volkswirtschaftlichen Schäden haben ist eher gering und in Berechnungen des Buches bereits abgezogen.
Hinzu kommen noch indirekte Kosten: Durch Ausfälle am Arbeitsmarkt durch Krankheit, Verletzung oder Haft und natürlich auch die Schädigung anderer durch dieses Verhalten. Dessen Ursachen der Autor Boris von Heesen zur recht im Patriarchat und den überlieferten Rollenbildern von Männern und Frauen sieht. Die „harten Männer“ benehmen sich wie die „wilden Kerle“ und hauen alles zu klump. Das kostet der Gesellschaft einiges. Das ist kreass zu lesen und auch gut und nachvollziehbar mit Quellen belegt.
So weit die ersten beiden Teile. Im 3. Teil des Buches geht es darum, was man dagegen machen könnte. Ich denke an dem Punkt, dass wir überkommene Rollenbilder aufweichen und auflösen sollten, darin kann man sich schnell einig werden. Das es dabei auch um die Anerkennung derzeit nach vorrangig von Frauen besetzten Berufsrollen geht, ist auch nachvollziehbar. Schwieriger wird es, wie man den Wandel in die Köpfe bekommen soll: Der Autor schlägt dafür in erster Linie Verbände und Lobbyarbeit vor. Beratung und Politik sollten das Umfeld schaffen, in dem die Bevölkerung dazu bereit wäre, sich neuen Rollen und Regeln zu öffnen. (Gegen-) Finanziert wird das mit dem Geld, was dann weniger für patriarchatsbedingten Kosten ausgegeben werden müssen – also wird es durch Einsparungen nachträglich finanziert. Das sind immer schwierige Rahmenbedingungen – vor allem in einem Umfeld, in dem Lust auf Diversity, Wokeness und Queerness immer weiter zurückgeht und viele gesellschaftlichen Gruppen glauben, die alten Rollenbilder für sich neu entdeckt zu haben.
Während sich insbesondere der erste (zahlengetriebene) Teil wie eine spannende Doku lesen lässt, ist insbesondere der dritte Teil eher ein utopischer Traum einer besseren und gerechteren Welt, die viele Kräfte aber nicht unbedingt haben, wenn sie glauben dadurch ihre Privillegien aufgeben zu müssen.
Und vermutlich lesen ohnehin nur Männer, die bereits jenseits der tradierten Rollenbilder leben, überhaupt nur dieses Buch: Männer, die sich Väter einbringen, ihre Arbeitszeiten reduziert haben, damit Ehefrauen und Partnerinnen Anschluss im Job behalten, die eher Fahrrad und Öffis anstatt Auto fahren und nicht jeden Samstag stockbesoffen im Stadion die Fans der Gegenmannschaft verprügeln. Dann kann man das Buch als eine Art Schulterklopfen lesen, aber andere, die sich für solche Themen ohnehin nicht interessieren, werden auch nicht mit diesem Buch erreicht.
VÖA – „Verständigungsorientierte Öffentlichkeitsarbeit“ – das war der ‚heiße Scheiß‘ in der PR-Seminaren an der Uni Anfang der 1990er Jahre. Tatsächlich stand die These eines Paradigmenwechsels im Raum: Öffentlichkeitsarbeiterinnen und Öffentlichkeitsarbeiter liefern nicht mehr nur mundgerechte Info-Happen an die Journalistinnen und Journalisten, sondern moderieren gesellschaftliche Prozesse – ohne darüber nachzudenken, warum uns jemand dafür bezahlen sollte.
An eine grundlegende Studie zu diesem Thema konnte ich mich noch erinnern: „Public Relations als Konfliktmanagement“ von Roland Burkart von 1993. Das Modell einer verständigungsorientierten Öffentlichkeitsarbeit wurde am Beispiel der partizipatorischen Planungsprozesse zweier Sondermülldeponien in Niederösterreich untersucht. Spoiler: Hat nicht funktioniert, eine Verständigung kam nicht zu Stande.
Trotzdem finde ich es hin und wieder spannend, Ideen von früher nachzuspüren und im Abstand von 30 Jahren das Buch mit der heutigen Perspektive noch einmal zu lesen. Zum Ersten: Für eine wissenschaftliche Abhandlung ist das Werk angenehm kurz (166 Seiten) und recht verständlich geschrieben. Zum Zweiten weist das Forschungsdesign eine gewisse Eleganz auf: Es versucht, tatsächlich vorbildlich umfassend zu sein und nimmt den ganzen Kommunikationsprozess über Input, Throughput und Output ins Visier – also mit Inhaltsanalysen der Kommunikate, den Einstellungen der Bürgerinnen und Bürger und dem Ergebnis der Kommunikationsbemühungen des Absenders. Viele andere Studien sind dagegen nur monomethodische Stichpunktmessungen, bei denen Ursachen und Wirkungen eher nur geraten werden können.
Das Modell der „Verständigungsorientieren Öffentlichkeitsarbeit“ geht – verkürzt zusammengefasst – davon aus, dass durch eine ausgehandelte gemeinsame Sicht auf die Sachebene bei gegebener Glaubwürdigkeit des Absenders und der Anerkennung der Legitimität des Handlungswunsches ein Einverständnis erzielt werden kann. Das kann gelingen, wenn die Öffentlichkeitsarbeit es schafft, die Sachverhalten verständlich zu erklären, den Absender als glaubwürdig darzustellen und den nachvollziehbaren Anspruch seiner Wünsche zu vermitteln.
Die Studie aus Niederösterreich kommt zu dem Schluss, dass sie zumindest habe aufzeigen können, was von dem idealtypischen Modell im Falle der Sondermülldeponien nicht funktioniert habe. Die Menschen wollen sich gar nicht so richtig partizipatorisch beteiligen und sie können sich eh nichts merken, was man ihnen in Flugblättern und Medienberichterstattung hat vermitteln wollen. Es bleibt eher etwas von den Infoveranstaltungen vor Ort hängen – und vor allem bei einzelnen, persönlichen Gesprächen: „Stellt man die Zusammenhänge zwischen Wissenstand und genutzten interpersonalen Kontaktmöglichkeiten einerseits sowie zwischen Wissensstand und Medienkontakten anderseits gegenüber, dann zeigt sich deutlich: der Einfluß der Massenmedien auf den Wissensstand ist weit weniger bedeutsam […].“ (S. 107) Das heißt Pressemitteilungen und bunte Broschüren helfen wenig: Man muss reden!
Der Begriff „Mediation“ war Anfang der 1990er noch nicht ganz so populär, aber wir Studierende sahen die Öffentlichkeitsarbeit der Zukunft eher als eine Art Moderations-Tätigkeit an und fragten uns, ob uns die Lehrpläne der Universität überhaupt das richtige Handwerkszeug vermittelten. Wir betrachteten PR weniger als Auftragskommunikation, denn als „Ausgleichskommunikation“. Die Tätigkeit einer PR-Abteilung lag weniger darin, das „Sprachrohr der Geschäftsführung“ zu sein, sondern darin den Rückkanal für die Bedürfnisse der Zielgruppen zu öffnen. Die „gute Öffentlichkeitsarbeit“ würde künftig eher wie „ausgleichende Gefäße“ funktionieren anstatt wie mit einem Feuerwehrschlauch in die Menge zu schießen.
Ich arbeite seit über 30 Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit, ausgleichende Prozesse habe ich dabei weniger moderiert. Eigentlich sendet sie weiterhin die Unternehmensbotschaften aus – vielleicht ist die Verständigungsorientierung dabei internalisiert wurden: Indem man die Bedürfnisse seiner Zielgruppen bei der Kommunikationsplanung versucht zu berücksichtigen, damit die Botschaften auch verstanden und auf fruchtbaren Boden fallen können. So gesehen war „VÖA“ auch eher nur eine Kommunikations-Utopie.
KI macht uns dümmer … – vielleicht wiederholt sich (Internet-) Geschichte nicht zwangsläufig, aber gewisse Parallelen mit der Frühzeit im WorldWideWeb gibt es schon: Es war immer schon immer schwierig den Menschen zu vermitteln, dass Google nicht besten Anwalt der Stadt findet, sondern nur den besten, der auch eine Website hat. Und Vergleichsportale verlinken nicht den günstigsten Stromanbieter oder die preiswerteste Versicherung, sondern nur den günstigsten Stromanbieter und die preiswerteste Versicherung, die bereit sind, Provision an den Vergleichsportalbetreiber abdrücken.
Den besten Käsekuchen meiner Stadt gibt es in einer kleinen Bäckerei ohne Website. Wenn ich eine Suchmaschine nach den besten Käsekuchen in der der Stadt frage, lande ich nur bei McCafé oder Starbucks.
Ähnliche Tendenzen zeichnen sich bei der intensiven Nutzung von KI-gestützten Suchen ab: Die KI hat im Internet mit hochwertigen Inhalten trainiert und gibt die Infos (meist) ohne Quellennennung weiter. Der Traffic auf den redaktionellen Seite lässt nach, so dass deren Pflege und Betrieb (um Nutzerinnen und Nutzer dort hinzuziehen und die Reichweite für Werbung zu verkaufen) kein Geschäftsmodell mehr ist. ⏩ Das passiert gerade bei verschiedenen redaktionellen Angeboten im Web.
Also wird man die KI nicht mehr damit trainieren lassen, was bedeuten wird, dass ihre Ergebnisse auf immer dünneren und wackligeren Beinen stehen wird. Was die meisten Nutzerinnen und Nutzer nicht mitbekommen werden – oder es ihnen auch egal ist.
Sei schlauer: Finde den besten Käsekuchen der Stadt auch ohne Internet und KI und halte es mit dem ollen Kant: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“
Und lass „KI“ demnächst für „Käsekuchen Intelligenz“ stehen 🙂
Ich war eigentlich nie „Fan-Boy“ von irgendetwas oder irgendwem. Aber ich muss zugeben, dass ich die Reportagen von Alexander Osang in der Berliner Zeitung immer äußerst lesenswert fand. Sie waren auch ein Grund dafür, warum ich während meines Publizistik-Studiums in Berlin die „Berliner Zeitung“ abonniert hatte, anstatt den „Tagesspiegel“, den Publizistik- und Politik-Studierende eigentlich eher lasen.
Tatsächlich kaufte ich mir auch einen der ersten Sammelbände mit den „Nachwende“-Reportagen aus der Berliner Zeitung. „Das Jahr Eins. Berichte aus der neuen Welt der Deutschen“ (erschienen 1992 im Verlag Volk & Welt) war tatsächlich bereits das zweite Buch – bis heute im Jahr 2024 sind 19 weitere erschienen. Das jüngste Buch erschien 2022, heißt „Das letzte Einhorn“ und versammelt 19 ausgewählte Spiegel-Reportagen aus zwölf Jahren.
Wenn man diese Reportagen geballt an einem Stück liest, ist das ein wenig so, wie ein Movie-Marathon mit Till-Schweiger-Filmen aus den 2000er Jahren: Bei Schweiger ist alles sepia-farbend, bei Osang alles latent deprimierend. Die Hauptfiguren in den Reportagen wirken immer irgendwie verloren, deplatziert, orientierungslos. Ihre Jackets sind eine Nummer zu groß, sie wissen nicht, wohin mit den Händen, gehen durch die falsche Tür ab. Man hat das Gefühl, der Lack sei ab und der Kaiser eigentlich nackt.
Wenn man von einem Menschen alles abklopft, was das Leben auf ihn drauf geworfen hat, sind wir alle nackt und klein, Maden, die sich winden, weil sie ungeschützt sind. Vielleicht lernt man das so in der Journalistenschule oder das ist sein Ding: Geh der Sache auf den Grund, zerlege alles in seine atomaren Bestandteile und stell dann fest, dass alle Bausteine eigentlich gleich aussehen.
Es sind größtenteils Geschichten von Menschen mit ostdeutschen Biographien oder Geschichten von Menschen, die mit ostdeutschen Biographien konfrontiert werden. Da war es wieder: Das Stichwort „Ostbewusstsein“, mit dem ich mich ⏩ hier jüngst auch schon auseinander gesetzt habe. Als ich vor über 30 Jahren den ersten Sammelband mit Begeisterung gelesen habe, habe ich diese gedankliche Brücke noch nicht schlagen können. Inzwischen habe ich das Gefühl, dass unter anderem genau auch diese Art der Reportagen Gehwegplatten auf dem Weg der Wahrnehmung waren, der zu diesem kollektiven Lebensgefühl geführt hat.
Reportagen und Reportagen-Klassiker
Auf jeden Fall hat mich die Lektüre des Sammelbandes „Das letzte Einhorn“ zurück zu meinem Bücherregal geführt, dem ich eine alte DDR-Ausgabe des „Rasenden Reporters“ von Egon-Erwin Kisch in der Bearbeitung von Bodo Uhse von 1950 entnahm, um diese endlich mal ganz durchzulesen. Alexander Osang ist regelmäßig für den renommierten Journalismus-Preis nominiert, der nach dem stilprägenden Reportage-Journalisten der 1920er und 1930er benannt wurde. Erhalten hat Osang den gleichnamigen Preis 1993, 1999 und 2001 „und wurde so regelmäßig für diesen nominiert, dass Journalistenkollegen schon vom ‚Osang-Preis‘ spotteten“, wie bei ⏩ Wikipedia nachgelesen werden kann. Ich lese jetzt erstmal das Original.
Geschichte und Geschichten wiederholen sich – heißt es. Das gilt scheinbar auch für Diskussionen über Veränderungsprozesse. Ich weiß leider nicht mehr ganz genau, wie ich auf das kleine Büchlein „Die Programmierer – Eliten der Automation“ von Karl Bednarik von 1965 (in der Fischer Taschenbuch-Ausgabe von 1967) gestoßen bin. „Karl Josef Franz Bednarik war ein Wiener Maler und Schriftsteller mit sozialkritischem Engagement“, kann uns ⏩ Wikipedia berichten. Er lebte von 1915 bis 2001, war gelernter Buchdrucker und Elektroschweißer, der sich autodidaktisch zum Künstler weiterbildete. Nebenbei verfasste er gesellschaftskritische Schriften wie unter anderem einen utopischen Roman mit dem viel versprechenden Titel „Omega Fleischwolf“, den ich sicher auch noch mal lesen werde, wenn ich ihn in die Finger bekommen sollte.
Abgesehen davon, dass ich es unterhaltsam finde, ältere Bücher zu lesen, in denen Prognosen über (teilweise inzwischen bereits vergangene) Zukünfte erstellt werden, stieß ich bei Bednariks Programmierer-Buch, auf eine Diskussion, die wir heute führen und deren Argumenten wir teilweise direkt übernehmen könnte, wenn wir das Wort „Computer“ durch die Worte „künstliche Intelligenz“ ersetzen. Der Autor beobachtet, beschreibt und bewertet den Wandel der Verwaltungsberufe durch die Einführung elektronischer Datenverarbeitung vor gut 50 Jahren: „Nachdem die Maschine dem Menschen sehr viel Handarbeit abgenommen hat, ist sie nun auch dabei, ihm die Kopfarbeit zu enteignen, zumindest große Teile dessen, was bisher als Kopf- und Geistesarbeit angesehen wurde.“ (S. 9)
Parallelen zur Diskussion um KI liegen auf der Hand
Bednarik sieht nicht in erster Linie die Technik als Bedrohung der Bürovorsteher (mit Verweis auf Zemanek nennt er Großrechner ‚gigantische Vollidioten‘, die nur mit den Fingern rechnen könnten, davon aber Millionen hätten – vgl. S. 68), sondern deren Bediener: „Das sind die Programmierer, jene Spezialisten, die Arbeitsabläufe vordenken und festlegen, die mit Hilfe technischer Anlagen Planung, Ablauf und Vertrieb ganzer Industrieproduktionen bestimmen.“ (o. S. – Klappentext vor dem Schmutztitel). Ohne technische oder kaufmännische Kenntnisse analysieren und zerlegen sie alle Arbeitsabläufe und legen sie als Programmabfolge für die Datenverarbeitung fest. Damit steuern sie de facto den ganzen Betrieb ohne zum Management zu gehören, orientieren sich dabei an einer Idealform und entwerfen so „eine neue Organisationsform als abstraktes Modell“ (S. 73).
Die Grenzen der Automatisierung liegen darin, dass sich die Computer nicht selber erzeugen oder programmieren können und dass maschinelle Entscheidungen durch die Programmierung vorbestimmt seien (vgl. S. 20). Das kommt uns bei KI anders vor, obwohl auch hier im Kern nur Nullen und Einsen Abläufe bestimmen, aber die ‚gigantischen Vollidioten‘ inzwischen Milliarden Finger haben und die Programme eine Komplexität erreicht haben, die die Vorstellungskraft der meisten Menschen übersteigt. Letztendlich laufen auch hier nur Routinen nach vorgegebenen Schemata ab – auch oder gerade in der Logik der Kombinatorik mit anderen Datenbeständen. So programmiert sich eine KI selber nach vorgegebenen Programmabläufen.
Während Bednarik seine Erkenntnisse auf der Grundlage von Beobachtungen auf Basis der Einführung erster Großrechner mit Lochstreifen und Magnetbändern gewinnt, wissen wir nun – 50 Jahre später – wie Computer in alle Bereiche unseres Lebens vorgedrungen sind. In weiteren 50 Jahren werden wir auch wissen, in weit weit künstliche Intelligenz Alltag und Beruf verändert haben wird. Eine Prognose von damals wird dabei auch in der aktuellen Diskussion häufig gehört: „Wenn eine Verringerung des Büropersonals erfolgt, dann nur bei eintönigen und langweiligen Routinearbeiten.“ (S. 123 – rezit. Levin) Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder?
Ich staune bei dem Reality-Format ⏩ „Hochzeit auf dem ersten Blick“ auf Sat.1 immer wieder: In Deutschland stehen immer mehr Menschen der Wissenschaft immer skeptischer gegenüber – egal ob es dabei um Corona oder den Klimawandel geht -, aber wenn es um das Privateste überhaupt geht, dann soll „aus Wissenschaft Liebe werden“ können, wie es die Sendung verspricht. Dabei ist die Erfolgsquote mehr als jämmerlich: Von 46 Paaren, die sich in den ersten neun Staffeln bisher das Ja-Wort gegeben haben, sind lediglich nur noch fünf Ehepaare verheiratet (Stand November 2023).
Wer ohne TV-Beteiligung heiratet, hat trotz hoher Scheidungsraten in Deutschland fünffach höhere Chancen noch verpartnert zu sein: Während bei „Hochzeit auf den ersten Blick“ die Quote grob bei 100 zu 10 steht (10 Prozent), ist sie in der freien Wildbahn eine Fifty-Fifty-Chance (also 50 Prozent). Dennoch betonen alle Kandidatinnen und Kandidaten, dass sie an das Experiment glauben – vielleicht weil ihnen vorgegeben wurde, dies zu sagen oder sie tun es tatsächlich.
Und damit sind sie nicht allein: Jedes Jahr bewerben sich ⏩ 3.500 bis 5.000 Kandidatinnen und Kandidaten (wobei die Frauenquote leicht höher ist) für eine neue Staffel, die ebenfalls daran glauben, dass Stimmproben, Schnüffeltests und das Matching von Eigenschaften und Interessen als stabile Basis für eine erfolgreiche Beziehung ausreichen. Tun sie scheinbar nicht.
Für die wahre Liebe scheint so etwas wie die „geheime Zutat“ zu fehlen, die die wissenschaftliche Theorie eben nicht entdecken kann. In der ⏩ Brigitte vermutet Simone Deckner, dass „oft ganz andere, kleine Dinge darüber [entscheiden], ob wir uns verlieben“ – zum Beispiel, wie er seine Zigarette hält oder die Farbe seiner Jeans. Aber die Teilnahme kann natürlich jedoch auch ganz anders motiviert sein – bis hin zum Wunsch der „Fünf-Minuten-Prominenz“, wenn man einmal im Reality-TV war: Selbst wenn ich gar nichts kann, was irgendjemand im Fernsehen sehen möchte, kann ich mich immer noch heiraten lassen.
Aber was treibt Menschen dazu, bei etwas anzutreten, dessen Erfolg eher mehr als unwahrscheinlich ist? Ganze ehrliche Antwort? Ich weiß es nicht. Eigentlich schade, diese schöne rhetorische Rampe verschenkt zu haben, aber Menschen spielen auch Lotto und ich weiß nicht, warum.
Grundsätzlich sehe ich zwei grundlegende Beweggründe:
Der Mensch sucht einfache Lösungen.
Darauf basiert unter anderem auch der Erfolg politischen Populismus: Unsere Welt wird immer komplexer, wie schön für einzelne, wenn jemand einfache Antworten bieten kann. Denn dann kann man glauben, man sei deswegen arbeitslos, „weil die Ausländer den Deutschen die Jobs wegnehmen“. Und:
Der Mensch hofft darauf, dass andere seine Probleme lösen mögen.
Darauf basiert unter anderem auch der Erfolg von Religion: Wenn einem wie zum Beispiel im Psalm 69, Vers 2 der Bibel „das Wasser bis zum Hals steht“, kann man entweder auf Gottes Hilfe hoffen, oder selbständig mit Schwimmbewegungen beginnen – wie es angeblich die Zentrale Dienstvorschrift der Bundeswehr Soldaten ab einer Wassertiefe ab 1,20 vorschreibt.
Zeitgleich trauen viele Deutsche der Wissenschaft nicht mehr so ganz über den Weg. Zwar sah man 2018 ⏩ „keine grassierende Wissenschaftsskepsis“, aber immerhin war gut die Hälfte der deutschen Bevölkerung bezüglich ihres Vertrauens in die Wissenschaft unentschieden oder skeptisch. 2020 fanden es 82 Prozent der Befragten in einer repräsentativen Studie wichtig, ⏩ wissenschaftliche Aussagen selber nachprüfen zu können. Das finde ich beachtlich, denn ich sehe mich kaum in der Lage, die „experimentelle Methoden zur Erzeugung von Attosekunden-Lichtpulsen“, die in diesem Jahr mit dem ⏩ Nobelpreis in Physik ausgezeichnet wurden, selber nachzuprüfen. Oder die Wirkweise von mRNA-Impfstoffen. Oder ⏩ SRES-Szeanarienentwicklung (im Unterschied zu RCP-Szenarienentwicklung) zur Prognose künftiger Klimaereignisse. Manchmal muss man eben doch glauben – oder darauf vertrauen, dass es andere beherrschen. Ob ich das jedoch in Herzensangelegenheiten machen würde? Wohl eher nicht – obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass sich das viele Wünschen würden.
Wenn ich „Hochzeit auf den ersten Blick“ schaue und den Spruch, dass „aus Wissenschaft Liebe werden“ könne, dann habe ich immer so einen Ohrwurm im Hinterkopf:
Ich habe lange gezögert, ob ich überhaupt etwas zu diesem Thema schreiben sollte. Wenn jemand aus der alten Bundesrepublik etwas über die Einstellung der Menschen, die in dem Teil Deutschlands leben, der die ehemalige DDR war, ist das ein bisschen so, als würde ein Mann etwas zum Thema Menstruation beitragen wollen: Wer ist nicht selber erlebt hat, der möge gefälligst die Klappe halten!
Aber es nützt nichts: Wir müssen reden und wir müssen zuhören. Und wir müssen verstehen, warum es dem anderen vielleicht schwerfällt, die Dinge, über die wir reden, zu verstehen. Dann müssen wir noch mehr reden und noch mehr zuhören. Das hilft grundsätzlich bei jeder Form von Beziehung: Bei einem Paar, dass nach vielen Jahren Ehe das Gefühl hat, nur noch nebeneinanderher zu leben, aber auch bei Menschen, die von der westdeutschen Geschichte oder der ostdeutschen Geschichte geprägt wurden. Es ist nicht einmal notwendig, in der ehemaligen DDR geboren zu sein, auch Generationen von sogenannten „Nachwendekindern“ empfinden sich weiterhin beziehungsweise nun erst recht als „Ossis“. Und es waren die „Wessis“, die den Ostdeutschen zum „Ossi“ gemacht haben. Wenn ich es richtig gelesen habe, dann ist die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung auch eine Geschichte der Missverständnisse sowie der Stigmatisierungen.
Die Mauer ist weg, aber eine deutsche Einheit, die diesen Namen verdient hätte, hat es nie gegeben. Rechts und links des ehemaligen eisernen Vorhangs bleibt man zu verschieden. Und weil das lange Zeit nicht so gesehen wurde, nun erst recht!
„Die ostdeutsche Identität der Nachwendekinder sind insgesamt eine Reaktion auf drei Dinge“, schreibt ⏩ Valerie Schönian in ihren Buch ⏩ „Ostbewsusstsein“ auf Seite 94 und zitiert dann den Sozialwissenschaftler Daniel Kubiak: „Die Sozialisationserfahrung mit ostdeutschen Eltern, der pauschalisierende Schulunterricht und das Gefühl der Fremdzuschreibung als Ostdeutsche.“ Man wird nicht als „Ossi“ geboren, sondern zum „Ossi“ gemacht: Durch die Eltern, die ostdeutsche Sozialisation und die Medien.
Das ist alles an sich logisch und nachvollziehbar: Wenn sich ein politisches Gesellschaftssystem auflöst, bleiben die Menschen, die darin aufgewachsen geprägt von den Werten, die das bisherige System vermittelt hat. Davon werden sie einiges – vermutlich größtenteils unbewusst und als Sub- oder Kontext – auch an nachfolgende Generationen weitergeben. Das gelte auch für jegliche Traumata: „Unsere Untersuchungen und die anderer haben ergeben, dass durch die Fähigkeit des Menschen zur Resonanz traumatische und andere belastende Erfahrungen von Eltern an die nächste und übernächste Generation weitergegeben werden können.“ Das schreibt ⏩ Udo Baer in seinem Buch ⏩ „DDR-Erbe in der Seele“auf Seite 178. Diese Weitergabe erfolgt nicht verbal, sondern auf der emotionalen Ebene. Natürlich muss man hier vorsichtig sein, denn Baer ist als Kind mit seinen Eltern aus der DDR geflohen und gilt eigentlich so als „Westdeutscher“. Die nonverbale Weitergabe von Traumata gab es natürlich auch schon vor der DDR: Wer im Dritten Reich sozialisiert wurde, konnte nach dem Krieg nicht aus seiner Haut – aber solche Zusammenhänge wurden eher totgeschwiegen, denn die junge Republik hatte andere Sorgen.
Das Schweigen der Eltern- und Großelterngeneration ist grundsätzlich problematisch, denn es verhindert an ihren Erfahrungen lernen und durch Verständnis die eigene Situation reflektieren zu können. Insoweit ist es zu begrüßen, dass eine jüngerer Generation in Ostdeutschland Geborener diesen Dialog sucht und einfordert – so wie es ⏩ Johannes Nichelmann tut und seine eigenen Erfahrungen eindrucksvoll und ausführlich in seinem Buch ⏩ „Nachwendekinder. Die DDR, unsere Eltern und das große Schweigen“festhält.
Ganz mein Reden: Wir müssen reden!
Was bei Schönian (vgl. u.a. S. 91) und Nichelmann (vgl. u.a. S. 56ff) grundsätzlich mitschwingt: Erst die Konfrontation mit Westdeutschen habe aus den Ostdeutschen „Ossis“ gemacht. Ursprünglich hätten sich viele nur als „Deutsche“ gesehen, aber das westdeutsche Empfinden der Osten sei etwas Fremdartiges, habe eigentlich erst zur Ausprägung einer Ostidentität geführt. Ob Reisewarnungen in den Westen geholfen hätten? Man weiß es nicht. Aber wenn man das so liest, könnte man meinen, dass die Ostdeutschen die Opfer sind. Bewerten möchte ich das an dieser Stelle nicht (auch an keiner anderen).
Diese Abgrenzung zeige sich auch in der Wahrnehmung, dass ein Problem in Ostdeutschland ein ostdeutsche Problem sei, wohin gegen ein Problem in Westdeutschland ein gesamtdeutsches sei: „Eine Reaktion auf dieses Phänomen ist eine Identitätsbildung der separierten Gruppe.“ (Nichelmann, S. 59) Die Ausgrenzung der einen stiftet die Identität der anderen.
„Ostdeutschland muss als Sozialisationsraum etabliert werden“, fordert eine Gesprächspartnerinnen von Valerie Schönian (S. 59) und die Autorin ergänzt später, dass vorherige Generationen „ihr Ostdeutsch-Sein am liebsten ablegen. Ich will es mir erobern.“ (S. 74) Das mag auch einfacher möglicher sein: „Wo noch nicht alles da ist, kann mehr Neues entstehen. Wo Platz ist, lässt sich besser atmen.“ (S. 84) Das ist natürlich alles legitim und machbar. Deutschland ist ein bunter Flickenteppich regionaler Identitäten und jeder findet noch jemanden, von dem er sich abgrenzen kann: Die Kölner von den Düsseldorfern, die Duderstädter von den Eichsfeldern, die Franken von den Bayern.
Ich habe nichts dagegen, dass jemand seine „Ost-Identität“ auslebt, so wie manche Bayern, die gerne ihre „Mia san mia“-Mentalität in Lederhosen und Seppelhut ausleben – finde ich zwar lächerlich (also Lederhosen und Seppelhut), aber ich bin auch tolerant, so lange jeder seinen eigenen Stiefel durchzieht und niemanden dafür schlecht macht (so wie ich gerade ein bisschen). Interessant ist, dass es aber im Gebiet der ehemaligen DDR weniger um Spreewald versus Erzgebirge geht, sondern um ostdeutsch gegen westdeutsch.
Dahinter steckt das Meme vom Migrant im eigenen Land
Es taucht immer wieder das Motiv auf, dass den Ostdeutschen durch die Auflösung der DDR der Zugang zu ihrer Vergangenheit fehle: „Ich fühle mich wie ein Einwandererkind, wie der Sohn von jemanden der aus der Türkei hergekommen ist. Der kann, wenn er will, sich das Land seines Vaters anschauen. Ich kann es nicht.“ So zitiert Nichelmann eines der Nachwendekinder, mit denen er spricht (S. 87). Auch Maximilian geht es so: Er „fühlt sich wie das Kind von Einwanderern, das die Heimat seiner Eltern nicht mehr besuchen kann, denn sie ist schlichtweg nicht mehr existent“. (S. 126)
Es mag fadenscheinig klingen, aber den wenigsten von uns sind Zeitreisen möglich.
Ich weiß, dass ich gleich ausgebuht werden, aber mit der DDR ist eigentlich auch die alte BRD verschwunden. Das mag sich vielleicht für viele nicht so angefühlt haben, aber auch das Deutschland, in dem ich aufgewachsen bin, ist verschwunden. Ich bin im Zonenrandgebiet aufgewachsen, was es in dieser Form nur geben konnte, weil es die DDR gab – inklusive „kleinem Grenzverkehr“ und „Zonenrandförderung“. Mit dem Untergang der DDR veränderte auch die Kleinstadt im ehemaligen Zonenrandgebiet ihr Gesicht: Mit der wegfallenden Förderung zogen auch etliche Industriebetriebe weg und die Bundeswehr-Einheiten wurden weiter östlich verlegt. Damit gingen Arbeitsplätze und somit auch Einwohner verloren – zwischenzeitlich fast 30 Prozent. Inzwischen positioniert sich das Städtchen als Seniorenparadies.
Meine Kinder können es nicht mehr sehen, wie es vorher war – dieses Fehl wird bei ihnen nun folgerichtig zur Ausbildung einer starken Südniedersachsen-Identität führen. Oder vielleicht auch nicht. Ist vielleicht auch besser so. Mein Vater ist 1956 aus Ungarn geflohen: Das Land gibt es noch und ich kann da noch hinfahren. Aber auch das heutige Ungarn hat so gut wie gar nichts mehr mit dem Ungarn zu tun, aus dem mein Vater geflohen ist. Genauso wenig, wie die heutige Türkei, dem Land ähnelt, aus dem die „Gastarbeiter“ in den 1970er Jahren nach Deutschland kamen. Ich glaube, da machen sich einige nur etwas vor und romantisieren etwas, das so verloren ist wie der heilige Gral.
Aber: Als Westdeutscher kann ich diesen Verlust natürlich nicht bewerten. Das steht mir nicht zu, denn im Westen hatten wir auch immer die bessere ökonomische Ausgangsposition, da – wie Valerie Schönian auf S. 86 schreibt – „wir ostdeutschen Nachwendekinder weniger Zahnarztpraxen erben werden als manch westdeutsche Altersgenossen“. Das stimmt: Ich habe sieben Zahnarztpraxen geerbt – und ihr so? Mal ganz ehrlich: Ich kenne nicht mal jemanden, der eine Zahnarztpraxis geerbt habt. Das macht mich nicht direkt zum „Ossi“, sondern wohl leider nur zu einem schlechten „Wessi“.