Ich habe es offensichtlich nicht so mit der digitalen Selbstvermessung: Entweder fehlt mir der Optimierungsdrang oder das richtige Device. ⏩ Ich hatte mal eine Smartwatch, die schon einiges aus meinem bewegten Leben mitschrieb – zumindest Schrittzahl, Entfernung und Puls waren dabei. Unsere Beziehung scheiterte daran, dass der Akku der Uhr meistens leer war, wenn ich los wollte. Inzwischen habe ich eine Solar betriebene Armbanduhr, die gar nichts kann, außer die Uhrzeit anzuzeigen und einfach immer weiter läuft.

So hätte es immer weiter gehen können, wenn mit zunehmenden Alter nicht doch das Thema „Messen“ relevanter geworden wäre: Mein Blutdruck bleibt wohl nicht so lange im moderaten Bereich und ist zu schnell und zu oft zu hoch. Das stellte der Hausarzt mit wiederholten 24-Stunden-Blutdruck-Messungen fest. Dann bekommt man Tabletten verschrieben und wird gebeten, den Blutdruck auch weiterhin zu kontrollieren.

Convenient Messen?

Ich messe nun schon eine ganze Weile beim Frühstück und Abendessen zuhause mit einer Handgelenksmanschette meinen Blutdruck. Das macht nur bedingt Spaß, ist mal zu niedrig (eher morgens) und mal zu hoch (eher abends), aber vielleicht im Sinne der Stichprobenverteilung nicht so ideal wie die Messung vom Hausarzt, bei der sich alle 15 Minuten Dein Oberarm aufpumpt.

Ring: Günstig – aber wertig

Es gibt nun (einige wenige) Fitness-Tracker, die versprechen, dass sie auch den Blutdruck messen können. Schnell verrät das Internet einem, dass diese Messungen aber nicht allzu verlässlich wären. Bei diesen Angeboten finden sich neben bekannten Armbändern auch Ringe als Fitness- und Gesundheitstracker. Auch dazu findet sich der Hinweis im Netz, dass die Blutdruck-Messungen dieser Gesundheitsringe genauso unzuverlässig seien, wie die der Armbänder. Immerhin: Beide Lösungen scheinen gleich schlecht zu sein, wozu also viel investieren, wenn man zu Testzwecken auch einen günstigen Gesundheitsring kaufen kann?

Auf dem Amazon Marketplace stieß ich auf das Angebot eines Gesundheitsringes, der den Blutdruck messen könne, aber auch den Puls, die Anzahl der Schritte, Distanz und Kalorienverbrauch, die Blutsauerstoffsättigung, die Hauttemperatur, das Schlafprofil sowie das Stress-Level. Preis knapp unter 50 Euro, Lieferzeit knapp sechs Wochen, denn der Ring kommt aus China. Bestellbar war er in drei Farben und fünf Größen, für die man den Umfang seines linken Zeigefinger messen sollte, denn dort sollte man den Ring am besten tragen.

Ringlein, Ringlein, Du musst wandern

Mein linker Zeigefinger hat am unteren Fingerglied einen Umfang von 7,1 cm – die größte Größe sei für einen Umfang von 6,9 cm geeignet. Was machen denn die armen Menschen mit Wurstfingern, habe ich mich gefragt. Aber dann kam einiges anders: Der Ring war bereits nach zwei Wochen aus Fernost da und für den Zeigefinger der linken Hand viel zu groß.

Die Verpackungsgestaltung war wertig und der Ring wirkte nicht wie aus dem Kaugummi-Automaten. Ein weiterer Vorteil: Die Daten werden auf dem Handy in einer App erfasst, die man kostenfrei herunterladen und nutzen kann. Es gibt gerade im Segment der Premium-Anbieter von Gesundheitsringen auch das Geschäftsmodell, dass die dazugehörige App auch noch im Monatsabo bezahlt werden muss.

Die App ist einfach, aber auch übersichtlich und aktuell nicht im Android App-Shop verfügbar. In der Gebrauchsanweisung ist ein QR-Code zu einem Download-Link, mit dem man sich die App direkt vom Server ziehen und sie freihändig installieren kann. Funktioniert reibungslos.

App: Einfach – aber übersichtlich

Der Ring funkt seine Daten via Bluethooth an das Handy. Das hat bei mir nicht immer reibungslos geklappt. Das Handy liegt in der Küche, man selber geht zur Toilette und – schwuppdiwupp – ist die Verbindung verloren. Insbesondere wenn der Mini-Akku im Ring schwächelt, scheint es Konnektivitätsprobleme zu geben. Diese können natürlich auch an meinem Handy liegen oder an dem Datenaustausch zwischen beiden. Für mich war dies am Ende einer der „Joy-Killer“: Wann immer ich eine Blutdruckmessung starten wollte, war der Ring nicht verbunden. Und leider auch trotz mehrmaliger Verbindungsversuche nicht wieder auffindbar für das Handy. Einmal hatte ich sogar den Fall, dass beide Devices laut Bluetooth-Liste gekoppelt waren, aber die App wacker weitersuchte. Solche Usability-Fails können einem dem Spaß bei der Anwendung regelrecht verleiden.

Mangelhafte Konnektivität als „Joy-Killer“

Aber zentral bleibt die Frage: Hat der Ring denn auch das gemessen, was er sollte? Also: Für mich ohnehin zu viel, denn Hauttemperatur, Blutsauerstoffsättigung, Stress-Level und Schlafanalyse interessieren mich eigentlich weniger. Schritte kann man auch anders zählen und Puls hat man, weil man noch lebt. Ein paar Mal habe ich mit der Manschette und den Ring parallel gemessen – nur selten waren die Ergebnisse annährend vergleichbar. Wobei man fairerweise sagen muss, dass ich auch nicht weiß, wie verlässlich die Handgelenksmanschette misst. Die Werte des Ringes waren meistens patientenfreundlicher, weil deutlich geringer und stets im „grünen Bereich“. Die gemittelte Abweichung über alle Parallelmessungen liegt bei respektablen 15 Prozent.

Messwert-Tabelle: A = abends / M = morgens – alle Differenzen sind als prozentuale Abweichung zur Referenz angegeben

Dennoch geben die Messungen eine gewisse Auskunft: Unterstellt man, dass der Ring äquidistant misst – vielleicht auf falschem Niveau, aber mit korrekten Intervallen – dann lässt sich die realistische Höhe einfach überschlagen und Ausschläge ebenfalls verlässlich erkennen.

Muss jeder selber wissen: Tragekomfort

Auf Grund der unterschiedlichen Messangaben habe ich den Ring am rechten Zeigefinger getragen, weil er dort am besten passte. Das war für mich eher ungewohnt: Der Ring klackerte beim Bedienen der Computer-Maus, quetsche den Finger beim Schrauben und Drehen und beim Händeschütteln hatte man das Gefühl, das Gegenüber zieht einem den Ring vom Finger. Am Ende wäre es vermutlich auch eine Gewohnheitssache und jeder sieht das das anders. Eine mögliche Alternative für den Zeigefinger der rechten Hand wäre vermutlich der linke Daumen gewesen.

Fazit: Eine interessante Alternative

Sicherlich eine interessante Alternative für das Gesundheitstracking, wenn man ohnehin an der Fülle der Daten interessiert ist. Aus meiner Sicht zur reinen Beobachtung des Blutdrucks weniger geeignet: Die Messwerte weichen stark ab, die Messungen müssen manuell angestoßen werden. In Verbindung mit der teilweise grottigen Konnektivität und dem von mir als eingeschränkt empfundenen Tragekomfort – für mich keine Alternative – aber Zettel und Stift sind auch mehr zeitgemäß.

Ich weiß, dass ein Armband-System zur Messung des Blutdrucks gerade viel positiven Spruch erhält – das kostet jedoch das Vierfache des Ringleins, das ich mir zu Testzwecken besorgt habe. Das muss man dann schon wollen und sich nicht nur zum Testen besorgen.

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