In Bezug auf Romane kann man mit Thommie Bayer nicht viel falsch machen. Ich habe vor etlichen Jahren so einiges bis damals fast alles von ihm gelesen, dann länger Pause gemacht und nun über den jüngsten Jahreswechsel „Vier Arten, die Liebe zu vergessen“ weggelesen. Ich habe mich vom Titel locken lassen und fand auch, dass der Klappentext eine interessante Geschichte versprach: „Emmis Tod bringt vier alte Schulfreunde wieder zusammen. Beinah zwei Jahrzehnte haben sie sich nicht gesehen, viel ist inzwischen geschehen. Und so verabreden sie sich noch Grab für ein Wochenende in Venedig: Die vier wollen endlich herausfinden, was ihre Freundschaft ihnen wert ist – uns was genau sie all die Jahre nicht losgelassen hat.“

Aber ich hatte etwas ganz anderes erwartet: Irgendwie dachte ich, Emmi sei die Geliebte von allen vieren gewesen und jeder konnte auf seine Weise nicht loslassen. Erst im zeitlosen Sehnsuchtsort Venedig, der eine symbolgeschwängerte Projektionsfläche bietet, gelingt es ihnen, ihr kollektives Liebestrauma gemeinsam zu überwinden.

Ganz so, war es dann doch nicht: Emmi war die Musiklehrerin, die aus vier verkrachten Internatsschülern eine Art ‚Barbershop Quartett‘ geformt hat. Sie hatten vermutlich später alle noch Sex mit der selben Frau (nicht die Musiklehrerin) – aber das ist nur eine Nebenlinie der Geschichte. Venedig und die detaillierte Beschreibung seiner Kunstschätze und Lebensart wird schon metaphorisch aufgeladen sein, aber in der Erzählung ist der Grund des dortigen Zusammentreffens eher pragmatisch angelegt, denn der es ist der Wohnort der Hauptfigur, die seine drei ehemaligen Sangesbrüder zu sich nachhause einlädt. Und überhaupt war ich ein bisschen verwundert, dass das Wiedersehen, das laut Klappentext das zentrale Erzählungselement zu sein schien, erst auf Seite 140 beginnt – also ziemlich genau in der Mitte des Buches.

Das klingt jetzt alles ein bisschen so, als hätte mir das Buch nicht gefallen, aber ich fand es nicht schlecht – es war halt nur eine ganz andere Geschichte als vermutet. Und das ist ja auch nicht verkehrt, dass Literatur uns noch überraschen kann.

Also bleibt es dabei: Thommie Bayer ist immer eine gute Wahl. Über den Anspruch mögen sich andere streiten, aber ich halte gute Unterhaltung auch für eine solide Leistung von Literatur. Eigentlich ein klassischer „Männerroman“ – ein Genre, das noch mit dem passenden Etikett hadert: „Lad Lit“ ist eher Nick Horby und „Fratire“ ist politisch nicht korrekt. Da ist es bei Bayer doch noch alles recht gesittet bis gesetzt. Obwohl die vier Freunde in dem Buch eigentlich gut zehn Jahre jünger sein müssten als ich, fehlte mir der Identifikationscharakter, den man ja gerne beim Lesen wiederfindet – oder ich bin dann als Zielgruppe doch zu alt.

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