Autor: Stefan Balázs

  • Früher war mehr Brief

    Früher war mehr Brief

    Bei Umzügen oder beim Aufräumen fallen sie einem wieder regelmäßig in die Hände: Briefe aus der Vergangenheit. Und ich hatte sie auch fast alle aufgehoben – es war ja auch bequem die Kisten und Kartons im ehemaligen Kinder- und Jugendzimmer im elterlichen Haus verstauben zu lassen.

    Bei handgeschriebender Korrespondenz streift einem gleich der Hauch der Hochkultur. Dem folgt in der Regel sofort ein Wehklagen wegen des Verlusts der Schriftlichkeit in Zeiten des Digitalen.

    Auch ich mochte mich nicht leichtfertig von diesen Schätzen meiner Vergangenheit trennen und machte mich an die Durchsicht und Lektüre. Mehrfach musste ich gegen den Schlaf ankämpfen oder nickte einfach mit dem Totholz in der Hand ein.

    Boah, was wir uns für einen Unsinn geschrieben haben und mit welch Banalitäten Briefbogen um Briefbogen gefüllt wurde! Die Briefpost wimmelte von Alltäglichem: Was der Zahnarzt gesagt hat, was es zu Essen gab, wo das Auto rostete und was in Ausbildung, Arbeit oder Studium gerade anstand.

    Aber warum war das so in den 1980ern und 1990ern Jahren? Waren wir die „Generation trivial“? Nein, wir waren schlichtweg nicht zu erreichen!Etwas, dass man sich heute kaum noch vorstellen kann. Nach dem Abitur in der Kleinstadt, bin ich zum Militärdienst nach Norddeutschland gegangen. Die Telefonanschlüsse innerhalb der Kaserne konnten nur über die zentrale Telefon-Vermittlung erreicht werden. Und wer private Dinge am Dienstapparat besprechen wollte, wurde einfach nicht durchgestellt.

    Im Studium wurde es nicht besser: In dem Wohnheim, in dem ich die meiste Zeit lebte, gab es anfänglich nur ein Telefon pro Gemeinschaftshaus. Das war entweder besetzt, kaputt oder alle hörten immer mit. Man konnte sich also nur schreiben, wenn man in Kontakt bleiben wollte.

    Also schrieb man sich und man schrieb sich alles:

    • Ich fand viele Briefe mit Wegbeschreibungen zu Orten, an denen niemand mehr wohnt, der dies vormals geschrieben hatte. Es gab keine Navigationsgeräte. Also schrieb man: „Du fährst bis zur Ortsmitte und hinter der Kirche fährst Du die Straße links rein. Beim blauen Haus auf der rechten Seite, geht links zu eine Stichstraße ab…“ – wann habt ihr das letzte Mal eine Wegbeschreibung verschickt?
    • Man schrieb sich, was ehemalige gemeinsame Klassenkameraden und Freunde gerade so treiben. Also ‚Statusmeldungen‘, die jeder auf Facebook verfolgen kann, ohne dass ein anderer sie aufschreiben müsste.
    • Was mir besonders gefiel: Man schilderte Situationen bildlich.Warum? Weil man kein Bild hatte. Die Filme in den Fotoapparaten hatten in der Regel 24 oder 36 Bilder und man knipste nicht wahllos einfach drauflos. Man hätte ohnehin warten müssen, bis der Film voll war und dann entwickelt wurde. Also beschrieb man die beengende Situation im WG-Zimmer, seine Dienstkleidung oder die Rostbeulen am alten Golf, den man vom Großonkel günstig übernehmen konnte.

    Alles ganz putzig und für den Moment ganz unterhaltsam – aber auch nichts für die Ewigkeit. Deswegen muss noch lange nicht jeder Brief in die Tonne gekloppt werden, aber auch nicht jeder ist archivierungswert. Anders gesagt: Wir möchten auch nicht alle Facebook-Stati ausdrucken, um sie in 20 Jahren in Ruhe noch mal nachlesen zu können. Es ist ok, dass nicht alles für die Nachwelt erhalten bleibt, weil es schlicht nicht erhaltenswürdig war. Nicht alles im digitalen Wandel ist schlecht: Er macht Vergängliches vergänglich und versieht Platitüden nicht mit Patina.

    Und die besten Briefe hebe ich natürlich weiterhin auf und nehme sie in fünf Jahren beim nächsten Umzug genauso gerne wieder zur Hand wie heute.

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  • Internet Trend aus dem Schwarzwald

    Internet Trend aus dem Schwarzwald

    Ich habe an diesem Wochenende einmal die großes Rechercherunde duchs Internet gedreht und bin dann wieder in Deutschland gelandet – genauer gesagt an der FH Furtwangen.

    Vor der Ankunft steht aber der Aufbruch: Auf YouTube stolperte ich über ein Video, in dem US-amerikansiche Schüler Playback singend rückwärts durch ihre Highschool laufen. Alles mit einer Kameraeinstellung ohne Schnitt gefilmt und produziert. Das ist lustig – vor allem, wenn die Schule riesengroß ist und es immer noch weitergeht.

    Wie es ansonsten auch noch weitergehen könnte zeigt das Video-Portal in der rechten Spalte als ähnliche Formate an. Einmal losgegoogelt lassen sich endlos viele „lipdup highschool videos“ im Web finden.

    Jeder kennt Isaacs Antrag, der vor fast genau drei Jahren veröffentlicht und bisher fast 30 Millionen mal angeklickt wurde. In Anbetracht des Ausmaßes und Umfang des mit dem zu der Zeit bereits lipub videos aller Orten produziert wurden eine fast überraschende Popularität.

    Wenn das Internet sich nicht irrt, dann hatten Studierende der FH Furtwangen im Schwarzwand im Sommer 2008 die Idee ihre Hochschule mit einem Playback Video vorzustellen. Das kam dabei heraus und fand schnell viele Fans, Freunde und Nachahmer aus dem universitären Umfeld europa- und weltweit. Danach war es nur ein kleiner konsequenter Schritt zu den „School LipDubs“.

    In den USA gibt es viele regionale und scheinbar auch nationale Wettbewerbe, die seit mehreren Jahren Preisgelder für diese Highschool Videos in verschiedenen Kategorien ausloben. So etwas befeuert einen Trend natuerlich, der in Europa seit fast fünf Jahren nicht mehr grassiert – vermutlich ein Grund, warum er irgendwie an mir vorbei gerannt ist.

    Nun ja, jetzt habe ich ihn ja sieben Jahre nach dem Kickoff im Schwarzwald wieder eingeholt. Ihr habt das sicher schon wieder alles gewusst – aber vielleicht auch schon wieder vergessen…

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  • Was ist Social Media 2.0?

    Was ist Social Media 2.0?

    Klar ist es vermessen, sich an Tim O’Reilly mit seiner Frage „Was ist Web 2.0?“ anzulehnen, aber von nichts kommt nichts und außerdem will ich ja darauf hinaus, dass wir inzwischen so etwas wie die nächste Generation des Web 2.0 haben: Das Web 2.0 2.0 sozusagen. Oder wenn man „Social Media“ al Synonym zu Web 2.0 verwenden möchte, haben wir jetzt „Social Media 2.0“.

    Bereits vor drei Jahren veröffentlichte hier anlässlich der re:publica 12 „Fünf nüchterne Thesen zur Zukunft von Social Media: ‚Is‘ alles gar nich‘ so wild‘.“ Streichen muss ich davon nichts. Ich bleibe auch standhaft bei meiner Kernthese, dass Social Media sterben werden – sie werden ein Bestandteil digitaler dialogorientierter Kommunikation. Künftig sind wir da, wo wir angefangen haben:

    Web 1.0 + Web 2.0 = Internet

    Aber was künstlich differenziert wurde, lässt sich scheinbar nicht so einfach reintegrieren. Vielleicht sind einzelne Mutationsschritte in der Evolution zum Urzustand notwendig.

    Ich behaupte in Bezug auf Social Media Kommunikation haben wir inzwischen bereits die nächste Entwicklungsstufe, eine neue Version erreicht: Social Media 2.0

    „Social Media 2.0“ sind der langweilige Bruder des coolen Kids. „Social Media 2.0“ spielen Klavier, während die coolen „Social Media 1.0“ E-Gitarre spielen, sie spielen Hallenfußball, während die Coolen „Kite-Surfen“, sie tragen Palomino-Jeans von C&A, während die anderen Levis 501 tragen. „Social Media 1.0“ trägt Wollmütze, Sonnenbrille und Bart – „Social Media 2.0“ tragen Anzug und Krawatte.

    Social Media sind der Zuckerguss auf dem Kuchen, das Cremehäubchen auf dem Cupcake, die Schörkel am Bilderrahmen. Toll anzusehen, aber alleine sinnlos. Inzwischen wollen viele lieber den Kuchen und den Cupcake essen oder das Bild im Rahmen betrachten.

    Konnte man vor ein paar Jahren mit einer Social Media Aktion Aufmerksamkeits-Punkte ernten, so fragt man heute nach dem „Return on Invest“. Etwas Nettes zu machen reicht nicht mehr, wenn es nicht messbar auf wertschöpfendes Ziel einzahlt. Social Media sind im langweiligen Corporate Alltag angekommen.

    Klickten führer noch 1 Million Youtube-Nutzer auf eine Flashmob-Video, so geigt heute jedes Dorf-Orchester „überraschend“ an der Bushalte-Stelle. Nichts gegen Flashmobs – es macht vermutlich Spaß daran teilzunehmen und die Erinnerung soll man gerne untereinander teilen – aber nur für digitales Schulterklopfen aus der Community gibt es heute keine Budgets mehr als den Kommunikationsabteilungen der Unternehmen.

    Ich wünsche mir kein Social Web der Krawatten-Träger und es wird hoffentlich weiterhin diesen kreativen Freiraum geben, den die Nutzer sich im Web 2.0 genommen haben, aber die Spielwiese wird zusehends Bandenwerbung bekommen und die Vermachtung der Öffentlichkeit sich nicht aufhalten lassen.

    Social Media Manager ist ein Beruf und „Social Media 2.0“ Realität.

    Was ist also Social Media 2.0? Hier eine tabellarische Übersicht:

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  • Schneemann-Basteln

    Schneemann-Basteln

    Kinder liebten schon immer Schneemänner. Seit sie „Olaf“ aus Disney’s „Eiskönigin“ kennenlernten haben, sind sie große von Fans von ihnen. Aber mir ging es eigentlich nur darum, an Silvester Zeit totzuschlagen und meine beiden Jungs (gerade 7 und fast 4 Jahre alt) kreativ zu beschäftigen.

    Da dachte ich: „Vielleicht können wir irgendwie Schneemänner basteln!“ – und hoffte ein bisschen darauf, dass sich dies mit Materialien bewältigen ließe, wie man sowieso immer irgendwie im Hause hat. Anregungen lieferte wie immer das Netz: In der Kinderspiele-Welt habe ich einen Vorschlag gefunden, für den ich alles da hatte – Perfekt!

    Für den Körpersegmente kann man weißes Papier oder weiße Pappe nehmen. Ich hatte Pappe im Haus, was ein bisschen stabiler ist. Mit Untertasse (für das untere Körpersegment) und Trinkglas (für das Brust-Körpersegment) und Schnapsglas (für den Kopf) lassen sich mit Bleistift entsprechende Kreise auf das Papier oder Pappe malen und anschließend ausschneiden.

    Anders als im Bastelvorschlag haben wir die Körpersegmente nicht aus zwei Kreisen, die gefalzt und an der Falzkante geklebt oder getackert werden sollten, sondern aus drei Kreisen gebaut. Diese haben wir eher gewölbt als gefalzt und dann „Rücken an Rücken“ geklebt – die Idee einer Kugel wird dadurch etwas „kugeliger“.

    Diese Kontruktion lässt einen Hohlraum in der Mitte entstehen. Da haben wir eine Mullbinde durchgezogen, die wir unten verknotet haben, um die beiden Körptersgemente aufzufädeln. Das weiße, löcherige Band, wurde von den Kindern mit dichtem Schnellfall assoziiert und war dadurch sogar passend anstatt nur eine Notlösung zu sein. Den Kopf haben wir platt gelassen, weil er sich so besser bemalen liess. Arme drankleben, Nase und Hut nach Lust und Laune dazu, dann die Kameraden ans Fenster gehängt.

    Fazit: Wir waren gut etwas über eine Stunde ohne Langeweile und mit hoher Konzentration beschäftigt und haben eine neue winterliche Fenster-Deko bekommen.

    Übrigens: Auf der Website kinderspiele-welt gibt es noch viele Bastel-Ideen für andere Schneemänner.

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  • Apps töten das Web

    Apps töten das Web

    Es müssen die Wechseljahre sein – zumindest in Bezug auf meine Meinung: Ich bin launisch und wankelmütig. Verdi wusste schon früher, dass „mobile“ hier das richtige Adjektiv ist.

    Aber ich war wie vom Donnerschlag gerührt und muss nun revidieren, was ich vor knapp zwei Monaten hier schrieb: Ich habe mich geirrt – und das ist wie ein Tag mit hitzefrei in einem öffentlichen Schwimmbad: Es macht einfach keinen Spaß!

    Genauso wenig macht es Spaß zuzugeben, dass daran die Lektüre der „Neuen Clues“ als Ergänzung des „Cluetrain Manifest“, die Doc Searls und David Weinberger Anfang 2015 veröffentlichten. Es macht deswegen keinen Spaß dies zuzugeben, weil ich nicht in ein reflexartiges Hecheln verfalle, wenn jemand mit dem Cluetrain-Glöckchen klingelt. Die Thesen waren ihrer Zeit voraus, einige sehr treffend, andere – für mich – unverständlich und viele wirken so, als habe man sich noch dazwischen geschoben und die lutherische Zahl von 95 zu erhalten. Als Dozent in Social Media Dingen kommt man am Cluetrain-Manifest nicht vorbei – das ist auch gut so, aber auch ausreichend angemessener Raum der Würdigung.

    Und nun der Schock: Ich lese Searls / Weinberger und es fällt mir wir Schuppen von den Augen und ich bin für Bruchteile mikro-erleuchtet, bekomme Zusammenhänge offenbart, die ich zuvor nicht sah. Das ist unangenehm!

    Eigentlich beginnt es bei These Nr. 68, wenn es um das Thema Apps und Social Media geht. Apps und Social Media untergraben das Grundprinzip des Internet. Das Internet war stets mehr als die Summe seiner Teile. Durch den freien Zugang zu Informationen und die Schaffung neuer Kombinationen und Sinnzusammenhänge durch die Verknüpfungen mit Links, gaben dem Netz den Mehrwert.

    Apps und Social Media Plattformen sind Silos. Sie halten die Informationen gefangen. Manche werden angefüttert mit Informationen aus dem Internet, aber sie teilen ungern und lassen sich nicht immer so einfach über ihre abgrenzenden Schutzzäune gucken. Oder wie Searls und Weinberger schreiben: „70. Bei Webseiten geht es um Vernetzung. Bei Apps um Kontrolle.“ Und: „73. Jede Website macht das Web größer. Jeder neue Link bereichert das Web.“

    Also: Heiligt den Link!

    – oder auch nicht. Aber heiligt die Möglichkeit auf Inhalte verlinken zu können. Macht eure Inhalte verlinkbar – sonst stirbt das Netz!

    Befreit, was ihr denkt, was ihr zu sagen habt, aus Apps und sozialen Netzwerken, so wie ihr dem Aufruf zur Befreiung der Gartenzwerge aus den Vorgärten gefolgt seid!

    Ich selber hatte geschrieben: „Alles wird App!“ Apps reduzieren die Komplexität, sind klar strukturiert und lösen das Problem, für das sie programmiert wurden am besten und effizientesten. Ein komplexes Online-Projekt, was alles lösen soll, löst nichts gut. So wie wir für verschiedenste Lebenssituationen verschiedenste Apps einsetzen, könnte sich die gesamte Online-Landschaft fraktionieren, zerkleinern und komprimieren.

    In viele Projekten stellt man sich inzwischen die Frage: „Brauchen wir noch eine Website? Und wenn ja, wie viel davon?“ Die Antwort kann nur „Ja, ja, ja! Unbedingt!“ heißen. Denn ohne Websites legen wir das Datenmeer zusehendes trocken. Wenn alles nur noch App wäre, gäbe es irgendwann keine Internet-Informationen mehr, die Apps ausgelesen werden. So wie Apps die Informationsflut zur Zeit noch erfolgreich kanalisieren und uns so bei der Strukturierung und Verarbeitung von Informationen helfen, wären sie wirkungslos, wenn die Quelle versiegte. Somit Opfer ihres eigenen Erfolgsmodells. Die Revolution fräße wieder einmal ihre Kinder.

    Nun ja, ich mag irgendwie Searls und Weinberger nicht uneingeschränkt recht geben. Man Ende des Tages sollte man das eine tun ohne das andere zu lassen. Die Lösung kann nur lauten: Denkt nicht ausschließlich in Apps, sondern füttert eine Website fleißig, damit rund, fett und groß wird.Gebt damit anderen Apps, Anwendungen und Wissens-Sucher weiterhin die Chance, eure Bausteine zu nutzen, um Neues zu schaffen.

    Verstanden? Gut! Weitermachen wie immer.

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  • Die Stadt Düsseldorf setzt auf konservative Familienmodelle

    Die Stadt Düsseldorf setzt auf konservative Familienmodelle

    Die Stadt Düsseldorf verteilt eine Broschüre mit dem ansprechenden Titel „Scheidung, was tun? Tipps fuer eine faire Trennung“, die es übrigens auch online als Download gibt. Herausgeber ist das Gleichstellungsbüro der Landeshauptstadt. Deswegen wird auch gleich auf S. 6 betont, dass „die Hinweise und Tipps dieser Broschüre nicht verstanden werden [dürfen], als würden sie nur für Frauen gelten“ – ein Satz, den eine Gleichstellungsbeauftragte eigentlich nie schreiben müsste, wenn der Auftrag ernstgenommen würde: Das sollte selbstverständlich sein!

    So ganz kann man sich bei der Lektüre jedoch nicht dem Verdacht trennen, dass dort vieles aus der Perspektive der Ehefrau beschrieben wird und der Ehemann schnell „der Böse“ ist. Auch wenn Fakten dahinter stehen mögen, so macht doch der Ton die Musik und in den Muster-Beispielen schreibt immer nur eine „Frau Klar“ an ihrem Mann „Franz“, um ihre Trennung und ihre Folgeansprüche durchsetzen zu können. Das Ganze wirkt dadurch eher wie eine Checkliste für Frauen, die ihren Ehegefängnis entfliehen wollen.

    Ganz klar: „fair“ bedeutet in Düsseldorf in erster Linie „Fairness für Frauen“

    Ihren eigenen Anspruch auf geschlechtsspezifische Ausgewogenheit, gibt die Broschüre auf S. 46 auf. War man zuvor bemüht, männliche und weibliche Anreden sprachlich doppelt auszuführen, wechselt die Ansprache ganz offen in Richtung ausschliesslich weibliche Leserschaft: „Sie und Ihr Ehemann müssen die Entscheidungen für die Kinder gemeinsam treffen. Sprechen Sie also mit Ihrem Ehemann.“

    Auf S. 53 steigt man dann in die Tiefen von der Familienbilder der 50er Jahres des vorherigen Jahrhunderts hinab: „Niemand käme auf die Idee, den Kochherd oder die Waschmine als Eigentum der Frau zu bezeichnen, weil der Ehemann in der Nähe dieser Gegenstände noch nie gesehen wurde.“

    Hallo? Ausgewogenheit, wo bist Du?

    Warum schreibt man sowas? Weil man es Kern für korrekt und richtig hält. Das wirft kein gutes Licht auf dem Gleichstelung in Landeshauptstadt.

    Noch dunkler wird es, wenn man(n) per E-Mail seine Verwunderung darüber zum Ausdruck bringt. Ich muss zugeben, dass ich schnell Antwort erhielt. Der Tenor war jedoch: Man verstehe das Problem nicht, die Broschüre sei äußerst beliebt und man sehe keine Notwendigkeit zu Änderungen.

    Das war der Punkt, an dem ich dachte, dass ich nun darüber schreiben werde.

    Geschickt hätte sich das Gleichstellungsbüro mit vagen und schwammigen Zusagen aus der Affaire ziehen können und ich hätte die Sache kopfschüttelnd auf sich beruhend lassen. Da hätte man antworten können: „Vielen Dank für diese Hinweise. Diese Punkte sind uns bisher in dieser Weise noch nicht aufgefallen. Bei einer etwaigen Neuauflage, werden wir uns bemühen, ggf. textliche Anpassungen vorzunehmen.“ Das heißt dasselbe wie die tatsächliche Antwort – nämlich: „Was einzelne Bürger unserer Stadt denken, ist uns eigentlich total egal.“ – wäre nur diplomatischer verpackt gewesen.

    Es mag auch sein, dass statistisch gesehen, eher Frauen unter den Folgen von Trennungen und Scheidungen zu leiden haben, aber dann kann man ja Broschüren für Frauen produzieren und verteilen. Für verlassene Ehemänner reicht vermutlich auch eine Liste von Eckkneipen, in denen man anschreiben lassen kann, sowie ein aktueller Bordellführer. Da muss man sich im Vorwort keine Gleichstellungslippenbekenntnisse abringen. Außerdem ist Gleichstellung ein Individualgrundrecht, bei dem nicht nach Mehrheiten entschieden wird.

    Falls die Stadt Düsseldorf nach vergleichbare Formulierungen für andere Broschüren sucht, da kann ich gerne was beisteuern, das der Geisteshaltung der Landeshauptstadt NRWs entsprechen müsste.

    Für die nächste Ausbildungsbroschüre:
    „Niemand käme auf die Idee, die Bohrmaschine oder das Auto als die Domaine des Mannes zu bezeichnen, nur weil Frauen in der Nähe dieser Gegenstände noch nie gesehen wurden.“

    Für den Flyer der Ausländerbehörde:
    „Niemand käme auf die Idee, Universitäten und Fachhochschulen als Einrichtungen für Deutsche zu bezeichnen, nur weil Ausländer in der Nähe dieser Gebäude noch nie gesehen wurden.“

    Welche Vorschläge habt ihr?

    Einfach kommentieren oder unter #helpdus twittern.

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  • Ab jetzt: Alles App

    Ab jetzt: Alles App

    Es ist der Klassiker: Wenn etwas alles können soll, dann kann es nichts richtig gut. Das Schweizer Taschenmesser für alle Eventualitäten des Lebens würde in keine Hosentasche passen. Holistische, allumfassende Lösungen sind keine, sondern lösen sich auf: Unter dem Druck allem, was hineingestopft wird, verflüssigt sich der Kern, verlieren sich Strukturen, das Konstrukt wird instabil und kollabiert.

    Das könnte mit Facebook passieren – mit AOL und T-Online ist es bereits passiert. In die selbe Kerbe schlägt auch die These der „Implosion Facebooks“ von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, die seit Anfang 2014 diskutiert wird. Nico Lumma widerspricht dem Vergleich vehement: „Facebook wird nicht implodieren, denn Facebook erfindet sich täglich immer wieder ein Stück weit neu.“

    Ich finde, streng genommen widersprechen sich die beiden Positionen nicht: Wenn Facebook sich nicht verändert, wird es implodieren – aber da es sich ständig verändert, wird es nicht luftleer in sich zusammensacken wie eine leckgeschlagene Hüpfburg. Passt also beides! Es ist ein bisschen so wie in der „Unendlichen Geschichte“ von Micheal Ende: So lange es Atréju / Bastian schaffen immer einen Schritt schneller zu sein als das „Nichts“, werden sie nicht verschlungen.

    Es muss nicht immer Facebook sein – das gleiche gilt für Unternehmens-Websites. Das mögliche Schicksal der ‚Großen‘ droht auch in kleineren Maßstäben: Komplexe Strukturen einer komplexen Organisation auf einer Plattform abzubilden und dabei allen (berechtigten) Ansprüchen gerecht werden, wird immer weniger gelingen.

    Planungsrunden zur Optimierung des Online-Auftritts eines Konzerns haben inzwischen den Umfang und die Dauer unbemannter Mars-Missionen. Kaum jemand ist in der Lage, eine dafür notwendige Makro-Strategie zu entwickeln. Und so kommt’s wie im echten Leben: Schießt der Stürmer am Tor vorbei, dann zieht er sich erstmal die Stutzen hoch und wird das öffentliche Chaos unübersichtlich, beginnen Polizisten damit, den Verkehr zu regeln. Wo die Überforderungen beginnt, setzt auch das Mikro-Management ein. Bei komplexen Webprojekten ist die Lösung schnell gefunden und schon stellt jemand im Projekt-Meeting die Frage: „Können wir diesen Aspekt nicht mit einer App abbilden?“

    So verkehrt ist das nicht: Die Entwicklung einer modernen App ist der Entwicklung ist eine ähnlich anspruchsvolle Aufgabe wie die Entwicklung einer ganzen Website vor zehn oder fünfzehn Jahren. Ferner entspricht die Logik der Verwendung von Apps auch unseren alltäglichen Nutzungsmustern, die wir von Smartphones und Tabletts gewohnt sind: Für jede spezifische Aufgabe gibt es eine spezifische App als Lösung.

    Wir wollen unsere gelaufenen Kilometer zählen? Dafür gibt es eine App. Wir wollen die aktuellen Fußball-Tabellen? Dafür gibt es eine App. Wir brauchen eine Bus-Verbindung? Auch dafür gibt es eine App. Wir wollen etwas Spezifisches von einem Unternehmen wissen? Wir müssen uns durch eine vollgestopfte Website mit schlechter Suchmaschine wühlen und verstehen lernen, nach welchen Regeln die Verantwortlichen die Inhalte ausgewählt und strukturiert haben. Ein klares ‚don’t like‘.

    Die Alternative zu der schwerer zu beherrschenden ‚inneren Artenvielfalt‘ kann aber auch nicht eine ‚äußere Einfältigkeit‘ sein: „One size fits all“ bedeutet, dass das T-Shirt bei einem hauteng aufträgt und beim anderen schlabbert.

    In der Frühzeit des TVs war es undenkbar, dass es irgendwann einmal ähnlich viele TV-Sender geben würde, wie es zu der Zeit Zeitungen gab. Zeitungen sollten und durften als Tendenz-Betriebe eigene Meinungen haben und Position beziehen, denn durch die Vielzahl der Zeitungen war sichergestellt, dass der Auftrag der Meinungsbildung im Mittel durch sie alle gemeinsam ausgewogen vertreten würde. Das nannte man – vor dem großen Zeitungssterben – Außenpluralismus. Der TV-Sendebetrieb war vormals so komplex, dass dieser nur durch Anstalten des öffentlichen Rechts übernommen werden konnte. Es gab so wenig Fernsehsender, dass ein Außenpluralismus etwaige Tendenzen hätte nicht ausgleichen können. Man erfand daraufhin den Binnenpluralismus – paritätisch besetzte Fernsehräte, die in internen Schlachten für Ausgewogenheit sorgen sollten.

    Vor zehn oder 15 Jahren war die Situation im Internet ähnlich: Das Web-Business war neu, Domains waren teuer und auf einer gemeinsamen Website sollten möglichst alle Ansprüche der Organisation angemessen berücksichtigt werden. Die Steuerung von Online-Projekten orientierte sich am Binnenpluralismus der Organisation. So wie es inzwischen unzählige TV Sender gibt und auch im privat-wirtschafltichen Sendebetrieb die Regeln Wettbewerbs bzw. des Außenpluralismus gelten, so kann dank Social Media und Software as a Service kann jeder Empfänger zum Sender werden: Vielleicht ist es Zeit, das unbewegliche Tankschiff der komplexen Organisations-Website zu einer Flotte von wendigen Schnellbooten umzubauen und die Web-Kommunikation der Organisation auf Außenpluralismus umzustellen! Holistische Strukturen sollten zu Gunsten leistungsfähiger, spezialisierter, kleinerer Fragmente aufgegeben werden: Ab jetzt wird alles App!

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  • Historische Social Media Daten: Der Papst twittert ein Bild (05.09.14)

    Historische Social Media Daten: Der Papst twittert ein Bild (05.09.14)

    Ich bin konservativ und mag es nicht, wenn mein Weltbild durcheinander gerät – besonders nicht in Fragen der Religion. Ich bin lutherischer Protestant und ich folge dem Papst auf Twitter – das hat was mit gesunder Marktbeobachtung zu tun. Zumeist konnte man dort nur – aus meiner rein persönlichen Sicht – eher nur sinn- und zweckentleerte Sinnsprüche lesen, die mit ihrem Allerweltscharakter zeit- und bezugslos waren und eigentlich gut in die Kategorie ‚Kalendersprüche‘ passten.

    Wobei ich fairerweise sagen muss, dass dies nicht ganz stimmt: Ich habe noch mal nachgesehen und musste feststellen, dass es durchaus auch aktuelle Bezüge zu Reisen und zum Weltgeschehen gibt. Dieser Papst ist eben auch auf Twitter politischer als sein Vorgänger.

    Dieser hat mit dem Gezwitscher am 28. Juni 2011 angefangen – sicher ein wahrhaftig historisches Social Media Datum, das man sich merken muss: So etwas wie ein Segen für Social Media.

    Alles so weit, so gut. 418 reine Text-Tweets hat das gesegnete Duo seit dem her abgesetzt. Aber Tweet Nr. 419 ist ganz anders, denn Tweet Nr. 419 hat ein Bild!

    Warum jetzt? Warum dieses Bild? Es wirkt ein bisschen arg komponiert und hat diese ungewöhnliche Tiefenschäfe. Und was noch wichtiger ist: Werden wir von nun an mehr Bilder sehen? Und was werden dies für Bilder sein? Wann kommt das erste Selfie beim Angelus?

    Wie gesagt: Ich mag keine Veränderungen – aber von nun an, wird es nichts mehr so sein wie zuvor im digitalen Vatikanstaat. Ich werde das weiter beobachten!

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  • Ich mache mir Sorgen: DHL ist fremdgesteuert

    Ich mache mir Sorgen: DHL ist fremdgesteuert

    Über Packstationen kann ich mich vortrefflich aufregen. Vermutlich weil die Idee gut gedacht, aber leider auch schlecht gemacht ist: Es läuft noch nicht rund und funktioniert oft nicht.

    Jüngst ist mir wieder die Hutschnur geplatzt! Das lag weniger daran, dass das Paket wieder einmal mehr an den Absender zurückgeschickt wurde (das steht auch in AGBs, dass die Sendungen nach dem Ablauf der Lagerungsfrist den Packstationen wieder entnommen werden), sondern an der Informations- und Auskunftspolitik der Servicestellen.

    Klar, war es nicht so pfiffig kurz vor einem einwöchigen Urlaub noch etwas bei Amazon zu bestellen. Ich wusste also, dass es mit der Abholung der Sendung aus der Packstation knapp werden könnte. Um so mehr freute ich mich, als ich 10. August 2014 eine SMS von DHL erhielt, dass das Paket noch zwei Tage in der Station zur Abholung liege – das konnte ich schaffen. Zwei Tage, dass sind 48 Stunden.

    Als ich am 12. August früh morgens versuchte, die Bestellung dem gelben Schrank zu entnehmen, passierte nichts – außer, dass nach drei Fehlversuchen meine Karte gesperrt wurde. Die Hotline konnte mir schnell erklären, was passiert ist: Das Paket wurde nach Ende der Lagerungsfrist am 11. August 2014 gegen 11 Uhr entnommen und an den Absender zurückgeschickt – also nach 24 Stunden nach Eingang der Info-SMS und 24 Stunden vor Ablauf der dort genannten Frist.

    Es entspann sich in etwa folgender Dialog mit dem Hotline-Mitarbeiter. der hier als Gedächtnisprotokoll wiedergegeben wird:

    (Ich) Aber in der SMS von Ihnen stand, dass das Paket noch zwei Tage in der Station liegen würde.

    (DHL) Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass die SMS nicht von uns ist. Wir schicken Ihnen keine SMS.

    (Ich) Aber der Absender wird als DHL aufgelöst und nennt sich auch so.

    (DHL) Ja, aber das kommt nicht von uns, dass kommt aus dem System.

    (Ich) Aber das ist doch IHR System und damit kommt die SMS von Ihnen.

    (DHL) Wir können da nichts beeinflussen. Das System arbeitet automatisch.

    (Ich) Aber jemand hat dann das System falsch eingestellt, wenn es falsche SMS schickt. „Das System“ ist doch nicht gottgegeben. Sie sind dem doch nicht wehrlos ausgeliefert.

    (DHL) Sie verstehen das nicht: Wir können gegen das System nichts machen.

    (Ich) Das ist ja entsetzlich. Können Sie gegen die Maschinenherrschaft nicht aufbegehren und sich Ihre Menschenwürde zurück erkämpfen?

    (DHL) ???

    (Ich) Es kann doch nicht sein, dass sich niemand gegen „das System“ wehren kann?!

    (DHL) Ich kann nur sagen, dass Sie keine SMS von uns bekommen haben.

    usw. usf.

    Aber: Wer ist dieses „System“? War es schon von Anbeginn der Zeit da? Warum kann niemand etwas dagegen tun? Oder Einfluss darauf ausüben? Müssen wir uns Sorgen um die Deutsche Post und ihrem DHL Service machen, weil sie wie Marionetten von einem virtuellen, übergeordneten „System“ gesteuert werden?

    Ich mache mir Sorgen!

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  • Schaltet doch einfach eure Handys ab, ihr Spacken!

    Schaltet doch einfach eure Handys ab, ihr Spacken!

    Heute morgen sah ich von der S-Bahn aus eines der aktuellen Plakatmotive von „Brot für die Welt„. „Weniger ist leer“ steht darauf und natürlich soll man sofort „Wengier ist mehr“ assoziieren und an den Trendsport ‚Verzicht‘ denken, der aller Orten immer beliebter wird.

    Hat bei mir wunderbar funktioniert: „Technikfasten“ kam mir als erstes in den Sinn – einmal nicht sofort zum Handy greifen, wenn es summt, brummt oder vibriert, den Computer und den Fernseher einfach mal auslassen. Das kann jeder, so lange er sein reflexartiges Verhalten noch unter Kontrolle hat.

    Einige können aber offensichtlich schon nicht mehr anders und sind bereit, sich für viel Geld ihre Nicht-Erreichbarkeit teuer zu erkaufen. Derart die Kontrolle über seine Zeit und sein Leben verloren zu haben, macht den größten Manager zur armseeligsten Wurst! Anstatt stolz zu sein, ein Resort gefunden zu haben, in dem man für viel Geld wenig telefonieren darf ist traurig anstatt toll.

    „Luxese“ – die Zusammenziehung von Luxus und Askese – könnte hier das passende Schlagwort sein. Der Trend, den ‚Die Welt‘ 2009 entdeckt hat, stand bereits im Jahr 2000 in der Berliner Zeitung. Eigentlich bezeichnet er das Phänomen mit dem Billigflieger zum Luxushotel zu jetten, um die Kostenstrukturen einer Reise zu optimieren. 

    Ich möchte mir unter ‚Luxus-Askese‘ lieber vorstellen, dass irgendwelche gestressten, wichtigen Management-Menschen Tausende von Euros bezahlen um endlich einmal ganz ’natürlich‘ auf einer harten Holzpritsche in einer Laubhütte schlafen zu können. Diesen Business-Kaspern würde ich gerne zurufen: „Dann könnt ihr auch auf meinen Balkon kommen! Dort werdet ihr perfekt entschleunigt. Das Handy nehme ich euch ab und schalte es aus. Die Tausende von Euros können wir für bessere Dinge ausgeben.“ – Womit wir wieder beim Auslöser dieser Überlegungen wären.

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