Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber bei der aktuellen „Uber Eats“ Werbe-Kampagne mit Bruce Darnell zu den „Uber Deals“ verstehe ich immer nur „Dill“. Und ich will mich damit keineswegs über seine Aussprache als nicht-deutscher Muttersprachler lustig machen, denn ich gehe davon aus, dass er als US-Amerikaner weiß, wie das englische Wort „Deal“ korrekt auszusprechen ist.
Es ist daher eher in meinem Kopf: Ich sehe Essen, höre „Dill“ und muss direkt an Kräuter denken. Und das macht es direkt anstrengend, denn ich mag Dill eigentlich nur in Zusammenhang mit Hering in Sahnesauce und finde ihn ansonsten eher etwas penetrant.
Davon abgesehen, finde ich die Grundidee der Spots etwas schwierig. Ich deute sie so: „Gönne dir etwas, weil du es mit menschlich komplizierten Partnern aushälst.“ Komische Botschaft meiner Meinung nach. Aber was sollte man sonst sagen: „Bezahl die Hälfte, iss das Doppelte und schieß die schrägen Vögel in den Wind“? Wäre natürlich auch eine Storyline.
Das Video ist eine Foto-Montage, die KI animiert wurde – das Ergebnis finde ich ebenfalls äußerst fragwürdig – aber auch irgendwie interessant.
Was hört ihr und wie geht es euch mit der Werbung?
Nachdem die #BackstreetBoys de facto nach #Düsseldorf gezogen sind, habe ich mich gefragt, warum mir diese Mega-Konzerte irgendwie am Allerwertesten vorbeigehen.
Und ich habe eine trübe Ahnung warum: Ich komme aus einer Kleinstadt, in der sich nie bekannte Musiker verirrten. Und selbst in den nächstgelegenen größeren Städten wie Göttingen oder Kassel spielte in den 1980er Jahren niemand Bekanntes (Chris de Burgh soll mal in der nordhessischen Metropole gewesen sein).
Ich war bis zum Abitur gelegentlich mal in der Oper, war nie auf einem großen Rockkonzert. Das änderte sich schlagartig mit meinem Wehrdienst in Buxtehude. Buxtehude ist auch klein, hatte aber einen S-Bahn-Anschluss nach Hamburg. Und wir hatten in unserer Kaserne einen „Freizeitbeauftragten“, der zu allen Events und Veranstaltungen Eintrittskarten zu Spottpreisen organisieren konnte.
So kam ich zu Konzertbesuchen. Und tatsächlich: Die Konzerte, die ich in besonderer Erinnerung habe stammen aus dieser Zeit: Das war zum Beispiel der Auftritt von ⏩ Joe Cocker auf dem TDK Summer Open Air auf dem Entenwerder am 17. Juni 1989 (das Video ist vom selben Konzert in St. Wendel) – vormals „Tag der deutschen Einheit“. BAP und Suzanne Vega waren wohl auch dabei, aber an die kann ich mich nicht erinnern.
Oder Marius Müller-Westernhagen im Dezember 1989, kurz nach dem Mauerfall, in den Alsterdorfer Sporthallen. Es wurden Fans „aus dem Osten“ in Bussen angekarrt und gemeinsam gröhlte man mit Gänsehaut „Freiheit“. Komischerweise habe ich jetzt erst mitbekommen, dass es genau ⏩ dieses Konzert als Mitschnitt vor einem Jahr als Film sogar ins Kino geschafft hat.
Später, als ich in Berlin studierte, kamen natürlich alle Weltstars. Hatte ich aber nicht viel von, den ich hatte immer nur sehr wenig Geld. Trotzdem hatte ich in der Zeit eines meiner prägendsten Konzerterlebnisse: Das Grönemeyer Open Air am 18. Mai 1991 in den Wuhlewiesen in Ahrensfelde bei Berlin (Ticket kostete 20 D-Mark). Mit gut 100.000 Besucher:innen das bis dato größte Konzert eines Solo-Künstlers in Deutschland. Es war eher ein Volksfest mit Broiler-Buden und Karussells und irgendwo ganz weit hinten hüpfte Herbert als bunter Punkt in einer knallroten Lederjacke über die Bühne. Er hat ordentlich Tränchen verdrückt, als er raus kam und die Masse sah.
Ich erinnere mich aber auch daran, dass natürlich auch internationale Mega-Stars in Berlin waren. Etliche Mitstudierende hatten zum Beispiel Tickets für das Micheal Jackson Konzert (am 04. September) 1992 auf dem Maifeld. (Lese gerade, dass das dort nie stattgefunden hat: Weil zu wenige Eintrittskarten verkauft wurden, ging man in ein kleineres Stadion.) Die Tickets kosteten im Vorverkauf 65 D-Mark – das war für mich ungefähr die Hälfte meines Monatsbudget für Essen.
Aber in der Zeit ging es los: Die Leute kamen von diesen Konzerten und sagten am nächsten Tag so was wie: „Eine unglaubliche Bühnenshow!“ Wenn ich alte Ausschnitte sehe, war – glaube ich – Madonna in der Zeit ganz weit vorne, wenn es um das Thema „Bühnenshow“ ging. Und irgendwie wurde die „Bühnenshows“ bei Konzerten immer relevanter.
Und so kommen wir wieder zum Anfang des Beitrages: Ich glaube, die Backstreets Boys liefern eine perfekte Bühnenshow – und das ist auch toll und bestimmt sehr unterhaltsam und bleibt auch bestens in Erinnerung. Ich bin vermutlich eher die Generation, die die Musiker:innen auf der Bühne mochte, die sich mit Leidenschaft die Seele aus dem Körper sangen – weniger die „Show“. Und wenn ich ehrlich bin, bringe ich Joe Cockers zuckenden Tanz (ja, ich weiß, dass er krank war) nicht unbedingt mit „Bühnenshow“ in Zusammenhang. Und die Ticketpreise finde ich heute auch immer noch zu hoch, auch wenn ich sie mir nicht mehr direkt „vom Munde absparen“ muss.
Im Februar habe ich ⏩ hier im Blog das Ergebnis meiner Recherchen zu einem Familienerbstück veröffentlicht: Das „Weserbild“ von Helmut Hermann-Nepolsky, das bereits bei meinen Großeltern und bei meinen Eltern im Wohnzimmer bzw. über den Esstisch hing.
Vollmundig habe ich in dem Beitrag in Aussicht gestellt, dass ich meine Überlegungen in einem Vororttermin selber überprüfen würde – da war der Tripp weserabwärts de facto schon geplant und Ende März, am Wochenende nach Ostern, bin ich mit meinem Bruder nach Rinteln gefahren, um unseren letzten noch lebenden Onkel zu besuchen und um einen Halt in Hameln machen zu können.
Dass das Hotel „Felsenkeller“, von dessen Terrasse der Blick ins Wesertal gen Süden von Hermann-Nepolsky (und vielen anderen) gemalt wurde, längst abgerissen wurde, wusste ich. Aber oberhalb der Weserschleife gibt es in Hameln einen „Felsenkellerweg“ und irgendwo dort vermutetet ich die gemalte Perspektive. Zum Abgleich hatte ich mir eine fast originalgroße Reproduktion des Bildes drucken lassen, mit der ich und mein Bruder dann durch die Wohnsiedlung am Hang stiefelten. Vom „Felsenkellerweg“ kommt man irgendwie nicht richtig an die Kante mit Aussicht auf das tieferliegende Wesertal. Deswegen sind wir beim „Haus Weserblick“ in die Leuthenstraße abgebogen, was tatsächlich sehr viel versprechend aussah.
Foto 1: Vermutlich die Terrasse des ehemaligen „Felsenkellers“. Heute ein Privatgrundstück, das wir natürlich nicht betreten haben, obwohl ich den Blick von der Grundstückskante ins Tal gerne überprüft hätte.
Ich glaube, das Grundstück Leuthenstraße 34 war die Terrasse mit dem Biergarten des „Felsenkellers“ und dem berühmten Weserblick. Die Aufschüttung und Einebnung hätte ich für ein kleines Einfamilienhaus, das heute auf dem Grundstück steht, sehr aufwändig gefunden. Für ein repräsentatives Hotel aus der Jahrhundertwendezeit könnte ich mir das eher vorstellen.
Wenn man die Leuthenstraßen weiter abwärts läuft, kommt linker Hand ein kleiner Fußweg, der zum gerade Stück vom „Reseberg“ führt. Dort steht ein Bank mit dem Blick ins Wesertal. Diese Perspektive ist dem „Weserbild“ vergleichbar – jedoch etwas östlicher und etwas tiefer.
Foto 2: Annährend die Perspektive des „Weserbildes“ – bei der Bank am Fußweg von der Leuthenstraße zum Reseberg.
Kurz nach unserem Besuch in Hameln, habe ich bei der Stadtverwaltung nachgefragt, ob wir denn einen Treffer gelandet haben könnten und es sich bei dem Grundstück Leuthenstraße 34 tatsächlich um die Terrasse des ehemaligen „Felsenkellers“ handele. So richtig bestätigen oder verneinen konnte man dies von offizieller Seite nicht. Es wurde mir aber mitgeteilt, dass die offizielle Postadresse des Hotels „Felsenkellerweg 33“ gewesen sei.
Der nachfolgende, bearbeitete Screenshot von Google Maps zeigt die Situation vor Ort: Die Ortsmarke markiert die Postadresse des ehemaligen Hotels, die geschwungene Linie die terrassierte Grundstücksgrenze, wo vermutlich der Biergarten war und die beiden Pfeife zeigen die Richtungen, in denen das Foto 1 und das Foto 2 aufgenommen wurden.
Situation vor Ort: Postadresse, Terrassengrenze und Blickrichtungen der Fotos vom Wesertal.
Was uns erst beim Ortstermin auffiel: Im Taleinschnitt, den man auf dem Gemälde gut erkennen kann, stehen heute die Kühltürme des abgeschalteten AKWs Grohnde. Ich habe das mal für euch im Originalgemälde korrigiert.
Das korrigierte „Weserbild“ mit den Kühltürmen des AKWs Grohnde im Taleinschnitt.
Schwieriges Thema – aber soooo wichtig: Es fällt den meisten Kindern schwer, beobachten zu müssen, wie ihren Eltern mit fortgeschrittenem Alter die Kontrolle des Lebens zusehends entgleitet.
Ich bin Ende 50, mein Vater fast 90 und an manchen Tagen, findet er nicht einmal den Speisesaal in seinem Pflegeheim wieder. Wir Kinder haben seine „Verwaltung“ übernommen – und was uns dabei hilft, ist Zusammenhalt, Gelassenheit und eine ordentliche Portion Humor.
Aber das wichtigste Werkzeug dabei, haben uns unsere Eltern für diese Aufgabe selber mitgegeben: Ich meine damit nicht ihre Erziehung oder die Unterstützung bei unserer Ausbildung, sondern notarielle, uneingeschränkte Generalvollmachten!
Diese haben sie zu Zeiten, als beide noch gut orientiert waren, inklusive Testament und Patientenverfügung ausstellen und uns Kindern zustellen lassen.
Damit kann man alles machen: Verträge schließen, Gesundheits- und Versicherungsdaten abrufen, Immobilien verkaufen, Abos kündigen, Bewegungsradien festlegen. Für Online- und Telefongeschäfte ist das zehnzeitige Dokumente bei der Authentifizierung etwas sperrig, aber überall, wo man es auf den Tresen legen kann, ein echter Türöffner, der nicht nur vieles erleichtert, sondern überhaupt erst ermöglicht.
Daher habe ich von meinem Eltern gelernt, dass ich mit Renteneintritt, diese Dokumente auch für meine Kinder erstellen lasse. Denn diese Generalvollmacht entpuppt sich als größtes Geschenk, das unsere Eltern uns machen konnten, für die Phase, in der sie zusehends auf ihren Lebenshorizont zusegeln.
Also kümmert euch bei euren Eltern darum, damit ihr es später leichter habt, und kümmert euch für eure Kinder darum, damit sie es später ebenfalls leichter haben können.
Wichtiges Thema fertig – mit klarer Handlungsempfehlung. Es war mir ein Anliegen euch das hier zulassen. Ihr könnt das auch gerne teilen: #spreadtheword
Viele von uns kennen die „Eisenhower-Matrix“, die bei dabei helfen soll zu entscheiden, welche Dinge erledigt und welche delegiert werden können. Eines der grundlegenden Probleme dabei: Die meisten von uns können nichts delegieren, weil da niemand ist, an dem sie Aufgaben abtreten können. Oder anders formuliert: Nicht alle von uns sind Präsidentinnen oder Präsidenten, die auch so priorisieren könnten.
Wenn man die X- und Y-Achse aber nicht mit „Wichtikeit“ und „Dringlichkeit“, sondern mit „Effekt“ und „Zeit“ beschriftet, entsteht ein Vierfelder-Schema, dass man auch „Die Mitarbeitenden-Matrix“ nennen könnte: Was sich schnell erledigen lässt und einen großen Effekt hat, sollte man direkt angehen, was anstrengend ist und keinen Beitrag leistet eher liegenlassen.
Das ist ein Lösungsansatz, den ich in meinem kleinen Büchlein „Die Kunst, die richtigen Dinge zur rechten Zeit liegenzulassen“ (ab S. 75) näher beschreibe.
Hier könnt ihr das Büchlein für schlappe 7,50 Euro direkt bestellen:
Was liest man als braver Mitarbeitender des Bau- und Liegenschaftsbetriebs NRW im Urlaub am Pool? Natürlich „Die Architektin“ (von Till Raether) – es soll sich schließlich nicht zu viel Erholung einstellen und jede:r sollte auch beim Entspannen beruflich am Ball bleiben 🤪
Es geht um Sigrid Kressmann-Zschach, die im Roman namenlos bleibt und den „Steglitzer Kreisel“, der im Roman „Steglitzer Kegel“ heißt. Aber in erster Linie geht es um den Baufilz Westberlins in den 1970er Jahren. Und es geht irgendwie im die Selbstfindung eines jungen Mannes, der Journalist werden will und seine depressive Mutter und eine WG, die scheitert, bevor sie anfangen konnte zu funktionieren.
Man ahnt, dass diese Kombination zu Längen führen kann, die die Geschichte nicht unbedingt benötigt hätte, auch wenn im fulminanten Schlussakkord alle Akteure das Crescendo auf Sylt hinlegen. Dennoch bleibe ich etwas gespalten, wie weit ich eine Leseempfehlung aussprechen würde.
Kennt ihr „Die Kirmes auf dem Nebenkriegsschauplatz“? Das ist der Ort, an dem man lästige Projektpartner beschäftigt halten kann, während man nebenan die eigentliche Arbeit in aller Ruhe abwickelt. Eigentlich so etwas, wie das Stöckchen, das man wirft, damit der Hund hinterher rennt, wenn man in ungestört das Grillfleisch auspacken möchte.
Viele komplexe Projekte funktionieren nur mit solchen Ablenkungsmanövern. Unternehmensstrukturen und -kulturen erfordern häufig die Beteiligung einer Vielzahl von Stakeholdern, von denen zwar einige Bedenkenträger:innen sein mögen, aber nicht wirklich etwas zum Projekterfolg beitragen. Wenn man also weiß, dass sich gewisse Leute gerne an gewissen Themen festbeißen, warum sollte man ihnen nicht gezielt den passenden Knochen hinwerfen?
Das ist ein Lösungsansatz, den ich in meinem kleinen Büchlein „Die Kunst, die richtigen Dinge zur rechten Zeit liegenzulassen“ (ab S. 61) näher beschreibe.
Hier könnt ihr das Büchlein für schlappe 7,50 Euro direkt bestellen:
Vieles weiß man, aber es ist auch immer wieder schön, es noch einmal zu lesen – und dann gerne in unterhaltsamer Form. Diese ist bei Christian Ankowitsch in seinem Buch „Die Kunst, einfache Lösungen zu finden“ von 2018 auf jeden Fall gegeben.
Es überrascht nicht sonderlich, aber die meisten Probleme sind selbst gemacht – zumindest sind wir bei den meisten Dingen, die wir als Problem empfinden, ein Teil davon – also können wir auch fast immer zu deren Lösung beitragen.
Hier die vier – aus meiner Sicht – wichtigsten Lösungsansätze:
Die Probleme im Hier und Jetzt können nicht durch Ursachensuche in der Vergangenheit gelöst werden.
Wir haben Einfluss auf die Problemlösung, weil wir ein Teil des Problems sind.
Einfache Interventionen verändern ganze Systeme – einfach anfangen, kleine Dinge zu verändern.
Probleme einfach nicht als solche anerkennen.
Es kann manchmal leichter sein, als man glaubt.
Ein Satz zum Abschluss eines Kapitels ist tatsächlich bei mir hängengeblieben und beschäftigt mich weiterhin: „Erzählen Sie lieber Ihre eigene, ganz neue Geschichte, anstatt zu versuchen, eine bereits existierende zu widerlegen.“ (S. 160) Das ist noch mal ein Augenöffner, warum es so schwerfällt, gegen die Narrative populistischer Strömungen anzureden: Existierende Geschichten kann man nicht mit Erklärungen kommen – man muss einfach anfangen, bessere Geschichten zu erzählen.
Hasst ihr das auch so? Ihr kauft ein gebrauchtes Buch „mit geringen Gebrauchsspuren“ und ist ist vollgekritzelt mit Unterstreichungen und handschriftlichen Anmerkungen???
Das ging mir schon an der Uni so: Ich kann Texte nicht in Ruhe lesen, wenn andere hervorgehoben haben, was sie für wichtig hielten.
Gerade habe ich – aus Gründen – mit dem Buch „Das letzte Hemd ist bunt“ von Fritz Roth zum Thema Trauerkultur und Umgang mit dem Tod in unserer Gesellschaft begonnen und konnte mich kaum auf den Text konzentrieren, weil bei der vorherigen Lektüre, irgendjemand „ordentlich mit dem Text gearbeitet“ hat.
Irritierend fand ich, dass diese Unterstreichungen und Anmerkungen völlig abdruckfrei in dem Buch hinterlassen wurden, so dass ich mich gefragt habe, ob dies ein Teil des redaktionellen Konzeptes war. Aber im Internet steht nichts dazu – und ich dachte, wenn jedes Exemplar so aussähe, hätte jemand schon irgendwo seine oder ihre Verwunderung oder Begeisterung darüber geäußert. Aber ich habe nichts gefunden.
Falls ihr das Buch zuhause, guckt doch bitte mal rein, ob eure Seiten 26 und 27 genauso aussehen.
Und ganz komisch: Ab Seite 30 findet sich überhaupt keine Markierung mehr – als habe die Vorbesitzerin oder der Vorbesitzer die Lektüre nach dem ersten Kapitel eingestellt …
Was haltet ihr davon, wenn Leute nur mit Stift lesen können?
Ein Bild hängt an meiner Küchenwand. Es ist ein „Erbstück“, in der dritten Generation in Familienbesitz und soll die Weser zeigen. Die Geschichte dahinter kann mir leider keiner mehr erzählen und so musste ich selber auf Spurensuche gehen und war erstaunt, was man tatsächlich alles herausfinden kann.
Aber, lest selbst:
Nach dem Tod meiner Mutter und dem Umzug meines Vaters in ein Pflegeheim, kam bei der Auflösung unseres Elternhauses ein Ölgemälde zu mir, das lange Zeit bei meinen Eltern in dem Raum vor der Küche in der Essecke hing. Meine Mutter hatte es nach dem Tod ihres Vaters übernommen. Bei meinen Großeltern hing es lange Zeit ebenfalls über den Esstisch, aber auch längere Zeit im Wohnzimmer.
Es ist somit eine Art Familienbild, das für die Verbindung zum Weserbergland steht, was sich nun in der dritten Generation in Familienbesitz befindet. Nun ist über das Bild (Abb. 1) relativ wenig bekannt und auch leider niemand mehr da, der dessen Geschichte erzählen könnte. Es ist völlig unklar, wie meine Großeltern in Besitz des Bildes kamen und wie dessen Entstehungsgeschichte war.
Abb. 1: Das „Weserbild“ von Helmut Hermann-Nepolsky – in der dritten Generation in Familienbesitz
Auch der Maler ist eher eine nebulöse Gestalt – wie viele Menschen, die vor dem Internet-Zeitalter lebten, lassen sich kaum digitalen Spuren zu seiner Person finden. Helmut Hermann-Nepolsky wurde am 08. März 1902 (vermutlich in Peine) geboren. Er lebte und arbeitete in Hameln, wo er während der Zweiten Weltkrieges der Deister-Weser-Zeitung (DeWeZet) als Redakteur zugewiesen wurde. Er war Turnierreiter und malte gerne Pferde.
Das weiß ich, weil mein Großvater die Meldung zum 80. Geburtstag des Malers aus der Zeitung ausgeschnitten und hinten auf das Bild geklebt hat (siehe Abb. 2). Als Enkelkinder haben wir es immer gehasst, dass mein Großvater ständig Foto- und Poesie-Alben eigenmächtig umdekoriert und gerne Bilder und Überschriften, die er bevorzugt aus der „HörZu“ ausgeschnitten hatte, einfach ungefragt dazu geklebt hat. In diesem Fall bin ich aber ganz dankbar, dass er den Artikel hinten auf das Bild geklebt hat (und nicht vorne drauf!) – sonst hätten wir noch weniger über den Maler gewusst, über den es auch keinen Wikipedia-Eintrag gibt.
Abb. 2: Dieser Zeitungsartikel aus der DeWeZet klebte auf der Rückseite des „Weserbildes“
Dass er so unbekannt ist, macht seine Arbeiten, wenn sie als Dachkammer- oder Keller-Fund ihren Weg zu Online-Verkaufsplattformen finden, auch recht günstig. Wie sollte man den Wert der Arbeiten eines Künstlers bewerten, den das Internet nicht kennt? So konnte ich recht einfach vor Weihnachten 2025 zwei Bilder von ihm über „ebay“ und „kleinanzeigen“ kaufen (siehe Abb. 3). Beide konnte ich jeweils für etwas über 60 Euro kaufen. In einer Online-Auktion im Januar 2026 kam noch unerwartet ein weiteres Bild dazu, das ich für einen Euro ersteigern konnte.
So viel vorweg: Das „Weserbild“ wird also vermutlich keine Kapitalanlage sein.
Abb. 3: Zwei weitere Bilder von Helmut Hermann-Nepolsky – das Gemälde mit der Frau am Fenster ist auf den 03. August 1925 datiert, die Pferde am Pflug sind ohne Datum.
Die Spurensuche nach dem Künstler wird sicher noch eine eigene Geschichte werden. Aber was kann uns das Bild erzählen?
Ich wusste nicht, wo es gemalt wurde und was es konkret zeigt. Ich war der Meinung, dass jemand früher mal gesagt habe, das Bild zeige „Die Weser bei Fuhlen“. Tatsächlich gibt es zwischen Hessisch Oldendorf (wo meine Großeltern lebten) und Fischbeck (wo mein Urgroßvater als Dachdecker den Kirchturm mal falsch eingedeckt haben soll) eine Flussschleife nördlich von Fuhlen (Abb. 4A). Damit würde im Hintergrund des Bildes Fischbeck zusehen sein. Eine schöne Geschichte, die irgendwie schlüssig klingt – aber falsch ist.
Abb. 4: Die falsche und die korrekte Perspektive – wie die korrekte Perspektive (B) ermittelt werden konnte, erfahrt ihr weiter unten im Text.
Des Rätsels Lösung war am Ende überraschend einfach: Ich habe bei Google einfach die Suchbegriffe „Ölgemälde Weser“ eingegeben und bin dabei direkt auf zwei Bilder gestoßen, die meinen „Weserbild“ tatsächlich sehr ähneln – geradezu identisch wirken! Beide stammen von Fritz Thate. Das Erste trägt den Titel „Weserbogen“ und wurde bei „ebay“ im Februar 2026 für 200 Euro angeboten (Abb. 5A). Im Beschreibungstext wird von einem „seltenen Landschaftsbild“ gesprochen. Ferner heißt es dort: “ In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts betrieb Thate sein Atelier in Braunschweig. Hier entstanden die wenigen ‚Nicht-Harzbilder‘ (…).“
Abb. 5: Zwei fast identische, „seltene“ Weserbilder von Fritz Thate in Online-Verkäufen (Screenshots: Februar 2026)
Tatsächlich gibt es für ⏩ Fritz Thate, dem „Harzmaler“, einen Wikipedia-Eintrag und seine Bilder sind schlagartig etwas wert. Vor allem seine Harz-Bilder kratzen von unten an der Tausend-Euro-Marke. Vermutlich der selbe Verkäufer bietet das selbe Bild zur gleichen Zeit auf „kleinanzeigen“ für 215 Euro an (von vormals 300 Euro und zwischenzeitlich bereits reduziert). Das Bild wird auch auf anderen Webseiten angeboten und kostet dort teilweise über 2.500 Euro. Also: Augen auf beim Ölbild-Kauf! Tatsächlich ist auch die Bezeichnung „Weserbogen“ irritierend, denn so wird eigentlich der große Bogen der Weser rund um die Porta Westfalica genannt.
Das zweite „seltene“ Weserbild von Fritz Thate sieht genauso aus und heißt „Hameln – Blick vom Felsenkeller“ und ist auf 1938 datiert. Es wird auf „kleinanzeigen“ für 190 Euro angeboten (Abb. 5B). Es liefert den entscheidenden Hinweis: Der „Felsenkeller“ war scheinbar ein beliebtes Hamelner Ausflugslokal mit Terrasse über der Weser. Und wenn man nun „Weser, Hameln, Felsenkeller“ im Internet sucht, bekommt man sehr schnell historische Postkarten angezeigt, die genau die Ansicht meines „Weserbildes“ wiedergeben (Abb. 6).
Abb. 6: Auszug aus einer Angebotsübersicht historischer Postkarten mit Blick auf die Weserschleife bei Hameln (Screenshot von ⏩ heimatsammlung.de: Februar 2026)
Tatsächlich fand ich eine der Postkarten (die das handschriftliche Datum „27.8.59“ trägt) so frappierend ähnlich, dass ich sie mir für sieben Euro im Internet gekauft habe. Ich habe sie zuhause eingescannt und transparent über mein „Weserbild“ gelegt (Abb. 7). Wenn man die Postkarte etwas in der Höhe staucht (Abb. 7 Nr. 1) und sie dann etwas in die Breite zieht (Abb. 7 Nr. 2), kann man den gegenüberliegenden Höhenzug und den Flussverlauf fast deckungsgleich bekommen.
Abweichungen gibt es bei der Landzunge links (Abb. 7 Nr. A) sowie bei der Uferbebauung rechts (Abb. 7 Nr. B). Dafür ist der Baum oder Busch im Vordergrund (Abb. 7 Nr. C) fast deckungsgleich.
Abb. 7: Die Postkarten vom Felsenkeller-Hameln in Hameln über mein „Weserbild“ gelegt.
Damit ist für mich das Thema „Ort“ hinreichend belegt und ich werde bestimmt bald mal selber dorthin fahren, um meine Theorie mit eigenen Augen zu überprüfen.
Nach dem Ort, bleibt dann nun die Frage nach der Zeit. Hermann-Nepolsky ist 1902 geboren und als er 80 Jahre alt wurde, war das Bild bereits im Besitz meiner Großeltern, ansonsten hätte mein Opa nicht den Zeitungsartikel auf die Rückseite kleben können. Das ist aber noch ein recht großes Zeitfenster.
Wir wissen auch nicht, wie gegenständlich und realitätsnah Helmut Hermann-Nepolsky gemalt hat und wie viel künstlerischen Freiraum er sich selbst zugestanden hat. Auf der linken Uferseite zwischen der ersten und des zweiten Baumgruppe gab ein Fluss-Schwimmbad und vermutlich auch einen Schuppen eines Ruder-Clubs. Auf der Postkarte sind dort ein paar Schuppen und Ruderboote auf dem Fluss zu sehen (Abb. 7 Nr. A). Auf dem undatierten Bild von Fritz Thate (Abb. 5A) und meinem „Weserbild“ ist an dieser Stelle nichts zu sehen.
Auf dem Fritz Thate Bild von 1938 (Abb. 5B) ragt an dieser Stelle auch Mole in den Fluss, die vermutlich mit irgendeiner Art der Nutzung des Ufers zusammenhängen könnte.
Die ⏩ DeWeZet hat auf ihrer Website in dem Beitrag „In der Weser schwimmen?“ (vom 06.09.2014) eine interaktive Karte, die Standorte historischer Flussbäder rund um Hameln zeigt. Wenn man auf dieser Karte den südlichsten Punkt (Nr. 17) anklickt, sieht man ein Bild der alten Militär-Badeanstalt, die exakt an der Stelle am linken Ufer stand (Abb. 7 Nr. A) und von zwei Molen begrenzt war. Die Jahreszahl „1910“ bezieht sich vermutlich auf den Zeitpunkt der Aufnahme.
Auf der ⏩ Website des Stadtarchivs heißt es zur Badegeschichte: „Auch an der Weser wurde ‚wild‘ gebadet, so dass die Stadt Hameln im Sommer des Jahres 1850 eine durch Aufsichtspersonal überwachte Badestelle an der Weser einrichtete. Sie lag auf dem Flurstück ‚Im Westen‘ oberhalb der Hafeneinmündung, dem Felsenkeller gegenüber.“
In wie weit es auch einen Zusammenhang mit „Flussbadeanstalt Hafen“ (auf der DeWeZet-Karte Nr. 15) geben könnte, ist mir gerade nicht ganz klar, weil ich keine Bilder mit der passenden Perspektive finden kann. Zumindest sieht man auf den Aufnahmen aus den frühen 1950er Jahren ebenfalls eine begrenzende Flussmole (wie auf dem Thate-Bild von 1938).
Diese Flussbadeanstalt wurde kurz nach den Bildern von 1951 geschlossen. Mein „Weserbild“ weist an der Stelle gegenüber des Felsenkellers keinerlei Bebauung und auch keine Mole auf. Es kann angenommen werden, dass das Bild von Hermann-Nepolsky nach dem Rückbau entstanden ist.
Da das „Weserbild“ auf dem Verlobungsfoto meiner Eltern aus Dezember 1964 (im Hintergrund) im Wohnzimmer meiner Großeltern zu sehen ist, vermute ich mal, dass es in der zweiten Hälfte, der 1950er Jahre entstanden sein könnte. Dafür spricht auch der schlichtere Rahmen aus weiß lasierten Holz mit Goldkante.