Kategorie: Andere Sachen

  • Lebensphasen: Zwischen Expansion und Kompression

    Lebensphasen: Zwischen Expansion und Kompression

    Alltagspsychologie kann schnell zum dünnen Eis werden: Wer versucht, ein paar Gedanken in diesem Feld zu ordnen, muss aufpassen, dass er nicht durchbricht und in den Untiefen der „Küchenpsychologie“ versinkt. Daher sind die nachfolgenden Überlegungen, nur eine erste Skizze, deren Strichstärke erst durch weitere Überprüfungen, Identifikation von Indikatoren oder Studien dick genug werden könnte, um irgendwann ein Bild zu formen.

    Lebensphasen-Modelle gibt es einige. Günter Karner hat verschiedenen Ansätze nach steigender Anzahl von Lebensphasen von zwei bis zehn aufgelistet. Den meisten dürfte – so auch Georg Rudinger in der „Bonner Enzyklopädie der Globalität“ – eine chronologische, nicht umkehrbare Abfolge zugrunde liegen: „Die Abfolge dieser Schritte soll unumkehrbar sein, was bedeutet, dass keine Stufe übersprungen werden kann. Jede frühere Stufe stellt die Voraussetzung für die nachfolgende dar und soll an ein bestimmtes Lebensalter gebunden sein.“ Häufig gehen diese sequentiellen Abschnitte mit einer Krise und deren Bewältigung einher – so wie im achtphasigen „Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung“ nach Erik H. Erikson: „Jede der acht Stufen stellt eine Krise dar, mit der das Individuum sich aktiv auseinandersetzt. Die Stufenfolge ist für Erikson unumkehrbar. […] Die vorangegangenen Phasen bilden somit das Fundament für die kommenden Phasen, und angesammelte Erfahrungen werden verwendet, um die Krisen der höheren Lebensalter zu verarbeiten. […] Für die Entwicklung ist es notwendig, dass [der Konflikt] auf einer bestimmten Stufe ausreichend bearbeitet wird, damit man die nächste Stufe erfolgreich bewältigen kann.“

    Neben der zeitlichen Abfolge gehen die meisten Modelle auch von einem bogenförmigen Verlauf von Wachstum und Regression (häufig mit der „midlife crisis“ als Wendepunkte in der Mitte) aus, weil „es überall im Lebendigen einen Aufstieg, eine Blüte und einen Abstieg gibt“. (vgl. Karner) In den meisten Modellen sind Expansion und Kompression bereits angelegt – häufig aber auf den Gesamtverlauf des Zyklus bezogen und / oder an konkrete einzelne Phasen geknüpft. Wichtig bei den Betrachtungen erscheint auch, die Entwicklung der Lebensphasen nicht nur an das einzelne Individuum, sondern an den sozialen Kontext zu koppeln, denn es handelt sich um kein Programm, das automatisch – unabhängig von Zeit und Raum – in der isolierten Einzelperson abläuft: „Im Gegenteil, jeder muss mit sich selbst und den anderen seinen eigenen Lebensstil ‚aushandeln‘, den eigenen Lebensplan definieren und ständig neu verändern, ebenso auch das Bild von der eigenen Person flexibel weiterentwickeln.“ ( Hurrelmann, 2003, S. 117)

    Ein paar Grundgedanken scheinen zentral:

    • – zeitliche Abfolge von Phasen
    • – Wachstums- und Regressionsdynamiken
    • – Wendepunkte beim Phasenwechsel
    • – Abhängigkeit des ‚Programmablaufs‘ von äußeren Faktoren

    Mir schwebt eine reduzierte Perspektive auf Lebensphasen vor, die zunächst nur auf die Ausrichtung und Wirkweise ihrer Energie achtet: Sind sie auf Wachstum und Ausdehnung – also Expansion – oder auf Verdichtung und Fokussierung – also Kompression – ausgerichtet?

    Diese Dualität ist verlockend: Schnell mag man ähnliche, antagonistische Modi assoziieren wie „extrovertiert vs. introvertiert“, „anschaffen vs. verschenken“ oder „quantitativ vs. qualitativ“. Aber es wäre zu einfach, die unterschiedlichen Wirkrichtung der Energie auf diese Paare zu reduzieren – auch wenn sicher einige der damit verbundenen Aspekte auch bei „Expansion vs. Kompression“ anteilig eine Rolle spielen mögen. Wichtig ist: Es geht nicht um einen bewertenden Qualitätsunterschied der beiden Phasen-Modi. Sie bilden keine Gegenpole, die mit einem Plus und einem Minus versehen werden könnten. Beide Phasen haben ihre Vor- und ihre Nachteile – weder ist die eine positiv noch die andere negativ.

    Ganz im Gegenteil: Beide Phasen können als energetisch sehr positiv und wertvoll empfunden werden. Geht es einmal – in der Expansion – darum, seinen Radius zu erweitern und über sich hinauszuwachsen, die Welt zu entdecken und zu erobern, Schätze zu finden und sie zu sammeln, so geht es auf der anderen Seite – in der Phase der Kompression – um Vertiefung, Verfestigung und Fixierung.

    Natürlich spielen auch bei diesem Ansatz externe Impulse, die zumeist mit dem Lebensalter korreliert sind, eine Rolle: der Eintritt in die Schule, der Beginn des Arbeitslebens, die Phasen der Partnerschnaften sowie der Wechsel in die Rente. Ein beispielhafter Verlauf könnte wie folgt aussehen:

    Beispielhafter Verlauf von Phasen der Expansion und Kompression über den Lebensverlauf

    Mit den ersten Loslösungsversuchen von der Mutter entdeckt das Kind seine ersten Handlungsspielräume, mit der Schule folgt ein Regelsystem, das anfänglich eher verinnerlicht wird, aber mit der Pubertät auch zum Gegenentwurf im Rahmen der Individuation dienen kann. Ausbildung und Studium bedeuten für viele einen temporären Rückzug aus der äußeren Welt, aber mit dem Berufseinstieg und wachsenden Einkommen, dehnt sich der Aktivitätsradius schnell wieder dynamisch aus: Das Leben gewinnt an Fahrt, es wird gereist, geliebt, geheiratet, Familien gegründet. Viele werden durch Trennung und Scheidung schlagartig und radikal auf sich selbst zurückgeworfen. Wenn man sich wieder aufrappelt, möchte man der Welt zeigen, dass man noch da, aber häufig folgt nach diesem kurzen Selbstbeweis eine Phase der Reflexion und Fokussierung. Mit dem Eintritt ins Rentenalter entdecken viele Menschen noch mal neue Möglichkeiten, bevor die Kraft altersbedingt nachlässt und die Welt um einen herum immer kleiner wird.

    In soweit ähneln sich viele Modelle tatsächlich. Aber wenn man Expansion und Kompression als intrinsisch motivierte Modi sieht, können die Phasen der Ausdehnung und der Fokussierung unabhängig von personenbezogenen Merkmalen (wie beispielsweise das Alter) und sozialen oder externen Impulsen (wie beispielsweise Schule und Scheidung) eintreten. Man kann sich damit von holzschnitzartigen Programmabläufen von Lebensphasen verabschieden. Es spielt für diese Betrachtung auch keine Rolle, auf welcher Stufe sich die Person befindet und ob es überhaupt definierten Stufen und eine festgelegte Abfolge gibt. Es geht nur darum wahrzunehmen, ob Menschen sich gerade eher in einer Phase des Wachstum und der Ausdehnung (Expansion) oder Vertiefung und Verinnerlichung (Kompression) befinden – diese verlaufen nicht immer gleich und selten parallel. Aber diese Unterscheidung der jeweiligen Blickrichtungen – nach außen oder nach innen – kann helfen zu erkennen, wo andere Menschen gerade stehen oder ihre vielleicht temporär diametral unterschiedliche Entwicklungsdynamik aufdecken.

    Die Lebensphasen zweier Menschen können sich temporär diametral zwischen Expansion und Kompression gegenüberstehen.

    Diese Perspektive kann helfen, negative Paardynamiken (ein Partner geht in den Ruhestand, während der andere einen weiteren Karriereschritt macht) oder auch Familienkonstellation (rebellierende Teenager vs. harmoniebedürftiger Eltern) zu verstehen. Die unterschiedlichen Orientierung zwischen Wachstum und Verdichtung erklären auch unterschiedliche Bedürfnisse von Personen in diesen Phasen. Es kann hilfreich sein, diese aufzudecken, zu diskutieren und untereinander auszuhandeln. Nicht die Unterschiede per se machen uns das Leben schwer, sondern diese nicht zu erkennen, um mit ihnen umgehen zu können.

    Mit dem Lebensphasen-Modi der Expansion und Kompression liegt ein pragmatischer Ansatz vor, der Zugang zur Bewertung von dynamischen Spannungen liefern kann, ohne komplexe Ableitung- und Herleitungsmodelle bemühen zu müssen. Eine Art „Lackmus“-Test, der schon mal eine Menge an Antworten liefern kann, ohne eine komplette Analyse fahren zu müssen.

  • Moralisch korrekt und außerhalb des Gesetzes

    Moralisch korrekt und außerhalb des Gesetzes

    Ich lese wieder sehr viel in letzter Zeit – vieles ist unterhaltsam, anderes sehr lehrreich, aber so richtig beeindruckt hat mich ein Buch schon länger nicht mehr, so dass ich hätte darüber schreiben wollen. Aber diese Geschichte zeigte Wirkung: Es ist das von seiner Tochter aufgezeichnete Leben eines Mannes, der stets seinem moralischen Kompass folgte und damit dem Großteil seines Lebens in der Illegalität verbrachte. Es geht um „Adolfo Kaminsky – Ein Fälscherleben“.

    Wie ich auf das Buch kam – weiß ich gar nicht mehr. Jedenfalls war ich neugierig und habe es mir (wie so viele Dinge) gebraucht bestellt – wobei das Porto dabei ja in der Regel der teuerste Bestandteil ist. Vermutlich interessierte mich ein außergewöhnliche Leben, das meistens unter außergewöhnlichen Rahmenbedingungen entsteht. Der Mitte der 1920er Jahre in Buenos Aires geborene Kaminsky stammt aus einer russisch-jüdischer Familie, die 1910 nach Frankreich auswanderte, aber 1917 nach Argentinien weiterzog. 1932 gingen sie nach Frankreich zurück in ein Europa, das schon bald von Nazi-Deutschland verheerend verwüstet werden sollte.

    Mit der Eroberung Frankreichs beginnen auch dort die Juden-Verfolgungen und -Deportationen. In diese dunkele Zeit fällt auch die für mich eindringlichste Szene der Lebenserzählung: In der Lagerhaft in Drancy wird seine Familie vor die Wahl gestellt, Adolfos Schulfreundin Dora in den Tod zu folgen. Ihre Mutter war bereits tot, ihr Vater starb in der gemeinsamen Haft und Adolfos Familie hatte Dora zugesichert, sie wie ihr eigenes Kind anzunehmen und betreuen: „Aber leider zählte diese Adoption nur für uns. Kaum angekommen, wurde sie ins untere Stockwerk zu denen gesteckt, die abtransportiert werden konnten. Mein Vater tat alles, um sie als seine Tochter anerkennen zu lassen, er erreichte sogar eine Unterredung mit dem Lagerführer Alois Brunner. […] Bei seiner Antwort gab mein Vater auf: ‚Wenn Sie sich nicht von ihr trennen können, wie Sie sagen, kann ich der ganzen Familie einen Platz im nächsten Zug verschaffen.’“ (S. 51) Dora wird ein paar Tage später in ein Todeslager deportiert. „Als sie an der Reihe war konnten wir nichts tun, und die Zeit hat das ungeheure Schuldgefühl nicht auslöschen können, das mich bis heute quält.“ (ebd.)

    Am Ende des Buches ist nicht ganz klar, wie vielen Tausenden Menschen Kaminsky mit seinen gefälschten Papieren das Leben gerettet hat – aber dies scheint nicht den als solchen empfundenen Verrat an seiner Schulfreundin aufzuwiegen. Die Perversität, mit der diese Entscheidung erzwungen wurde, verursacht schon beim Lesen Schmerzen. Manch Entscheidung mag uns schwierig entscheiden, aber alles tritt dahinter zurück, jemanden opfern zu müssen, um sich und dem Rest der Familie das Überleben zu sichern.

    Kaminskys Familie wird nicht direkt deportiert, weil sie argentinische Dokumente haben. Der Wendepunkt ist deutlich. Der neugierige Junge ohne richtige Ausbildung geht in den Untergrund und wird einer der größten Fälscher der Neuzeit: Erst in der Resistance (die keine geschlossene Widerstandsbewegung war, sondern ein zerstückelter Haufen vieler Organisationen mit vielen Abkürzungen, die sich oft überhaupt nicht einig waren), dann für die Einwanderung heimatloser Juden nach Palästina und alle Zeit für die Unabhängigkeitskämpfer in Algerien. Dazwischen immer wieder für unterdrückte Gruppen, die staatlichen Repressalien in Europa oder dem Rest der Welt ausgesetzt waren.

    Meistens hat er unentgeltlich gearbeitet und von keinem der Netzwerke vereinnahmt werden zu können und erpressbar zu sein. Sein offizielles Leben als Fotograf, Ehemann und Vater kam dabei zu kurz. Adolfo Kaminsky muss geradezu zwanghaft helfen. Er glaubte stets moralisch das Richtige zu tun und stand dennoch immer außerhalb des Gesetzes. Ein Buch das bedrückt, aber auch irgendwie Hoffnung macht.

  • Multimediales Buch: Da ist Musike drin

    Multimediales Buch: Da ist Musike drin

    [Werbung ohne Auftrag – ich hätte es ansonsten auch „Buchbesprechung“ nennen können]

    Ende 2019 erschien das Buch ⏩ „Ein Jahr voller Wunder“ von Clemency Burton-Hill, das bereits zwei Jahre zuvor auf Englisch erschienen war. Die Musikredakteurin einer BBC-Sendereihe und eines New Yorkers Klassik-Radiosenders empfiehlt darin für jeden Tag ein ausgewähltes Stück klassischer Musik – meistens mit Bezug zum aktuellen Datum. Dazu gibt es jeweils ein paar Fakten, Hintergründe oder Anekdoten auf einer Seite. Für Menschen, die sich grundsätzlich für Klassik interessieren und auch Spaß daran haben, neue Stück zu entdecken eine große Freude, die darauf angelegt ist, Teil der täglichen Routine zu werden: Zum Feierabend abschalten, entspannen und sich musikalisch entführen lassen.

    Da die Musik nicht aus den gedruckten Seiten ertönen kann, hat der Diogenes Verlag eine ⏩ Webseite angelegt, die in Monatsabschnitten in der geordneter Reihenfolge die Stücke auflistet. So weit – so gut. Eigentlich ein feine Sache das, wenn man ein iTune-Konto bei Apple sein eigen nett – ansonsten ist bei jedem Stück nach 30-sekündiger Hörprobe Schluss.

    Das Buchkonzept wäre nur dann rund, wenn man mit der Druckausgabe auch ein iPhone bekäme. In der Android-Welt bzw. ohne iTune-Konto sieht das Jahr voller Wunder nicht ganz so wundervoll aus.

    Ein gewisser ‚john penberthy‘ hat sich die Mühe gemacht, eine vollständige Playlist auf ⏩ Youtube in der korrekten Reihenfolge zusammenzustellen. An sich eine tolle Arbeit, sofern man sich merken kann, dass der 25. März die Nummer 85 und der 19. Oktober die Nummer 291 hat.

    Es gibt auch Nutzer, die angefangen haben, bei Youtube Playlists nach Monaten anzulegen, wie ⏩ Georg Johann Ruf zum Beispiel. Sicher die sinnvollere Lösung.

    Aber wäre es nicht am einfachsten, die Links auf einer einfachen Webseite nach Datum aufzulisten? Könnte man ja eigentlich schnell mal machen – also was nichts anderes heißt als „kann ich ja dann wohl schnell mal selber machen“… – aber da ich mir den täglichen Spaß nicht nehme lassen will, ergänze ich die ⏩ Seite immer nur dann, wenn ich Stücke auch gehört habe. Wer mithören will, kann gerne reinklicken – wer die Einleitungstexte dazu mitlesen will, der möge sich das Buch kaufen.

    Zum „Musikalischen Kalender“

  • Die irrationale Angst vor dem Stuhlgang

    Die irrationale Angst vor dem Stuhlgang

    Stell Dir vor, Du sitzt auf dem Klo und es ist kein Papier da! Schlimmer geht’s scheinbar nimmer: Das wird in Witzen und Geschichten zur Genüge auswalzt. Und angesichts der derzeitigen Corona-Pandemie scheint die größte Sorge der Bevölkerung nicht die Ansteckung, die Todes-Rate oder der drohende wirtschaftliche Kollaps zu sein, sondern die Frage, wie man sich bis in die Ewigkeit mit ausreichenden Vorräten an Toilettenpapier eindecken kann.

    Eine Frage, die in vielen Regionen der Welt völlig egal wäre, weil man dort traditionell überhaupt kein Toilettenpapier verwendet. Dazu gehört der arabische Raum, der Nahe Osten sowie viele Länder und Regionen in Asien. Es gibt einen Schlauch, mit dem der Po gewaschen werden. Dazu wird die linke Hand verwendet, die entsprechend als „unrein“ gewertet wird, besonders wenn es ums Essen und Anfassen geht.

    Die Notdurft gibt es schon ewig, Klopapier aber erst seit gut 600 Jahren. Erfunden haben es ⏩ laut Wikipedia wieder einmal die Chinesen: „Für den chinesischen Kaiser wurde im Jahr 1391 Toilettenpapier hergestellt. Schon bald schraubte das kaiserliche Versorgungsamt die Jahresproduktion auf 720.000 Blatt, wobei es sich um Lappen von einem halben Quadratmeter handelte.“ In den öffentlichen Toiletten in China gibt es aber erst seit 2007 Toiletten-Papier – wobei dies ⏩ jedoch meisten geklaut sei.

    Und was hat die Menschheit vorher gemacht? Auch das weiß ⏩ Wikipedia: „Die Römer banden einen Badeschwamm an einen Stock und tränkten diesen in einem Eimer mit Salzwasser. Germanen bevorzugten Stroh und Laub. Im Mittelalter wurde unter anderem Moos benutzt, die Reichen gönnten sich eingeweichte Lappen und Schafwolle.“

    Und wer gerade kein Schaf zum Scheren oder Moos zur Hand hat? Dem bleibt scheinbar nichts anderes übrig, als sich mit anderen Kunden im Drogeriemarkt um die letzten Rollen zu balgen. Früher nahm man die Zeitung nicht zur Lesen mit auf dass stille Örtchen und gelobt sei der, der noch eine Tageszeitung abonniert hat.

    Dass Küchenrollen, Taschentücher und Feuchttücher als Ersatz dienen, haben inzwischen auch die meisten Konsumenten verstanden und entsprechend leer sind die Regale bei diesen Waren inzwischen ebenfalls. Mitte März 2020 gab es aber noch ausreichend Papierservietten in den Supermärkten – und da man Ostern eh keine Gäste haben wird, kann man die Häschen-Servietten auch anders einsetzen.

    Und wer mal kleine Kinder gewickelt hat, der weiß auch, dass ein nasser Waschlappen dabei ein praktisches Werkzeug sein kein. Was bei Klein funktioniert, klappt auch bei Groß – toll ist das vielleicht nicht, aber es geht. Panik ist völlig unangebracht!

    Es mag stimmen, dass wir statistisch ⏩ drei Jahre unseres Lebens auf dem Klo verbringen, aber glaubt mir: Nicht an einem Stück von heute an…

    Lasst Vernunft walten: Und falls die Welt wirklich untergehen sollte, dann nicht wegen mangelndem Toilettenpapier.

  • Die Sache mit den Erinnerungen, der Katze und dem Äffchen

    Die Sache mit den Erinnerungen, der Katze und dem Äffchen

    Meine Freundin erinnert mich gerne daran, dass Erinnerungen sich verselbständigen können. Sie werden mit Erzählungen, Berichten und der eigenen Phantasie gerne ergänzt und überschrieben. Nichts sei trüglicher als die eigene Erinnerung – und das nehme mit dem Alter zu. Da ich nun jenseits der 50 bin, ist das Verfallsdatum vieler Erinnerungen bereits abgelaufen.

    Das habe ich auch auf einer Kurzreise mit Zwischenstopp in Bremen wieder einmal erleben müssen. Meine Eltern haben mich in meiner Kindheit bevorzugt durch Deutschland kutschiert – und ich erinnere mich gerne an diese Entdeckungsreisen durch mein Heimatland. So waren wir auch in Bremen und ich war vielleicht acht, neun oder zehn Jahre alt.

    Nachhaltig beeindruckt hatte mich der Bleikeller unter dem Bremer Dom. Als es nun mit gut 40 Jahren Zeitabstand wieder in die Hansestadt ging, konnte ich meiner Freundin lebhaft alles aus der schaurigen Gruft unter dem Dom schildern: Die unbekannte Gräfin, der vom Dach gestürzte Dachdecker und natürlich die Katze und das Äffchen, dass man in der bleihaltigen Luft aufgehängt habe, um den mumifizierenden Effekt des Kellerraumes zu testen beziehungsweise unter Beweis zu stellen.

    Es fing schon damit an, dass der „Bleikeller“ gar nicht unter dem Dom ist, sondern sich in einem Nebengebäude und dort nicht einmal so richtig im Keller befindet. Der „Dachdecker“ hatte eine Kugel im Rücken, was dafür spricht, dass er vermutlich auf der Flucht erschossen wurde, anstatt vom Dach gefallen zu sein. Gegen die unbekannte „Gräfin“ sprach, dass niemand zu der Zeit im Adel vermisst wurde. Der mumifizierende Effekt hat nichts mit Blei zu tun (der Keller hieß nur so, weil dort das Blei für die Dachschindeln gelagert wurde), sondern mit einer Sanddüne unter dem Dom, die alles vertrocknen lässt, was über ihr lagert. Wenigstens befand sich der Keller früher tatsächlich unter dem Dom – in soweit hatte meine Erinnerung mich nicht getäuscht.

    Was war aber nun mit der Katze und dem Äffchen, die mich als Kind nachhaltig beeindruckt hatten, wie sie dort verschrumpelt kopfüber von der Decke hingen? Wir fragten die Dame an der Einlasskontrolle: Sie werde immer wieder – besonders von den älteren Besuchern – nach der Katze und dem Äffchen gefragt, aber sie habe noch nie etwas davon gehört. Außerdem müsse sie den ganzen Tag über im Keller hocken, während draußen die Sonne scheine.

    Das war’s: Alles, was wir glauben zu wissen, ist Lug und Trug der eigenen Imagination. Ich fand’s eher deprimierend.

    Am nächsten Tag waren wir im Übersee-Museum – das ich natürlich auch ganz anders in Erinnerung hatte: Exotische Installationen waren einem unstrukturierten durcheinander gewichen und ich fragte mich, wo der ganze Plunder aus fernen Ländern geblieben war, den Generationen von Seefahrern mit zurück in die Hafenstadt brachten.

    Dafür gibt es das Schaumagazin: Ein fünfstöckiger, moderner, klimatisierter Anbau in dem alles archiviert wird, was nicht auf der Ausstellungsfläche gezeigt werden kann – bis zur Decke voll gestopft und vollgestapelt: ohne Ende Exponate.

    Eigentlich eher ermüdend als erhellend und so arbeiteten wir Etage für Etage mit zunehmend mangelhafter Konzentration ab. Ganz oben waren die Tiere: Ausgestopfte Vögel in allen Farben, Schubladen voller aufgespießter Insekten, Großkatzen, Fledermäuse, eingelegte Schlangen.

    Ganz oben, ganz hinten links stand noch ein Schrank mit Schubladen. Meine Freundin – die eigentlich mit dem Schaumagazin durch war – zog eine Schublade auf und rief mich gleich zu sich. Da waren sie: Katze und Äffchen aus dem Bleikeller unter dem Dom! Also hatte mich meine Erinnerung in diesem Punkt nicht getäuscht.

    Und was bleibt von der Reise nach Bremen? Erinnerungen können einen täuschen, starke Erinnerungen haben einen wahren Kern.

  • SchelSaZ = Die schlechteste Serie aller Zeiten?

    SchelSaZ = Die schlechteste Serie aller Zeiten?

    „Quatermain“ konnte gegen „Indiana Jones“ nie so richtig anstinken. Denkt man aber an „Quatermain“, dann denkt man zuerst an Richard Chamberlain und Sharon Stone – weniger an Patrick Swayze (bekannt aus „Schmutzigem Tanzen“) und Alison Doody (bekannt als „Nazi-Schlampe“ aus Indianer Jones III). Das zweiteilige Remake von 2004 tauchte bei Amazon Prime Video auf und ist eher ein wässeriges Süppchen als eine fetter Braten.

    Diese „Miniserie“ ist schon recht schlecht. Aber war eigentlich nur der Link über die Filmographie der weiblichen Hauptdarstellerin zu einen noch fragwürdigerem Produkt filmischen Schaffens, von dem ich bis heute keine Kenntnis hatte: „Der Ring der Musketiere“ – eine deutsch-amerikansiche Co-Produktion im Auftrag von RTL aus den frühen 1990ern. In den drei weiteren Hauptrollen mit David Hasselhoff (bekannt als der, der die Mauer niedergesungen hat), Thomas Gottschalk (bekannt aus „Zwei Nasen tanken Super“ und „Wetten dass…?“) und Cheech Marin (bekannt aus „Cheech und Chong“).

    Alles andere total unbekannt: Es wurden überhaupt nur vier Episoden produziert, die im Dezember 1992 einmalig versendet wurden. Keine Wiederholungen, keine Verwertung auf anderen Sendern und in den USA wollte es niemand ausstrahlen. Es gab weder DVD noch Streaming Veröffentlichungen. Wo doch sonst alles zumindest auf RTL Plus irgendwann wiederholt – aber dies ist eher eine Art Phantom-Serie!

    Und ist es so schlimm wie man vermuten könnte? Oh, ja! Es gibt wunderschöne Fön-Frisuren, einen unzusammenhängenden roten Faden, einen Sack voller Alt-Herren-Witze und David Hasselhoff singt. So haben die Kollegen vom „Quotenmeter“ die Mini-Serie auch auf dem „Fernsehfriedhof“ beerdigt.

    Die ersten beiden Episoden sind Dank Abfilmens vom Fernseher auf Youtube für die Ewigkeit konserviert wurden:

    Episode 1: Teil 01/01Teil 02/01Teil 03/01

    Episode 2: Teil 01/02Teil 02/02Teil 03/02

    Die ersten beiden Episoden hatten im Schnitt rund 6000 Zuschauer bei Youtube – Bibi von Bibis Beauty Palace hat locker stets über eine Million pro Clip. Über die anderen beiden Episoden hat der Mantel der Geschichte gelegt und sie dem digitalen Vergessen überantwortet.

    Für mich ist „Der Ring der Musketiere“ der perfekte Anwärter für den Titel „Schlechteste Serie aller Zeiten“ – und wer sind eure Favoriten?

  • Über meinen Selbstversuch, nachhaltig zu mobil zu telefonieren

    Über meinen Selbstversuch, nachhaltig zu mobil zu telefonieren

    Ich habe aufgegeben! Zugegeben: Die Idee von Fairphone ist großartig, fasziniert und reißt mit: Man kann auch Smartphone nachhaltig, sozial und ethisch produzieren! Keine menschenunwürdigen Bedingungen beim Schürfen notwendiger Spezialminerale und Erze, keine Sklavenarbeit bei der Montage und transparente Lohnstrukturen – alles Dinge, von denen die großen Produzenten sagten, man müsse sie leider in Kauf nehmen und das ließe sich nicht ändern.

    Darüber hinaus ist der modulare Aufbau eine tolle Idee: Geht es etwas kaputt oder sind andere Leistungsmerkmale gewünscht, können einzelne Komponenten ausgetauscht werden ohne gleich das ganze Gerät austauschen zu müssen.

    Genutzt habe ich das nie. Das ist so, wie die Menschen, die in der Großstadt wohnen, Dir alle Theater und Museum aufzählen, die sich so einfacher besuchen könnten, ohne in den vergangenen fünf Jahren in einem der Häuser gewesen zu sein.

    Und das alles noch per Crowdfunding finanziert. Eine wirklich tolle Geschichte, an der alles dran ist, was eine gute Geschichte braucht.
    War es übrigens beim Cargolifter auch – ein landeflächigen unabhängiges Lufttransport-System, das umweltfreundlich und sicher war. Hat nur leider nicht funktioniert.

    Community-Tipp: Lösch doch die Apps…

    Das Fairphone 2 funktioniert – im Groben und Ganzen. Auch wenn die Benutzung einen gewissen Enthusiasmus erfordert. Es gibt immer wieder Bugs, die man einfach akzeptieren muss. Aktuell lässt sich das Fairphone 2 bei Laden nicht an- und generell gar nicht wieder ausschalten. Das nennt sich dann der „never-turn-off-bug“ und wird in der Online-Community dokumentiert.

    Da muss man im Sinne einer Holschuld regelmäßig nachgucken, was mal wieder nicht funktioniert und warum. Dort sind auch alle höflich und hilfsbereit und ich glaube, es gibt kaum ein Produkt, bei dem der Support vorrangig durch die Kunden gewährleistet wird.

    Schon früh stellte ich fest, dass die Akkuleistung eher enttäuschend war. Nach gut sechs Monaten musste ich das Smartphone bis zu dreimal täglich aufladen. Es schaffte dann drei bis vier Stunden bei durchschnittlicher Nutzung.

    Hilfe kam auch hier aus der Community: Lösch doch einfach die Social Media Apps von dem Handy – das sind reine Stromfresser. Am besten wäre es, dass Phone ganz ohne Apps zu benutzen – das erhöhe die Akkulaufzeiten nachhaltig.

    Das kann es aber in modernen Zeiten nicht sein. Ich weiß, dass man ein paar Einschränkungen in Kauf nehmen muss, wenn man Gutes erreichen will. Meine Eltern haben in den 1980er Jahre schrumpeliges Öko-Gemüse in abgedunkelten Kellerläden gekauft und damit dazu beitragen, dass es überhaupt erstmal einen Nachfragemarkt nach ökologisch nachhaltigen Produkten gibt. Damals zog man als Schüler auch noch einen kratzigen Norwegerpullover an, wenn das Schaf glücklich war und Freunde ihn gestrickt hatten.

    Öko kann heute auch schick und funktional sein

    Heute geht öko und nachhaltig auch in schick und funktional. Aber das sollte es dann auch sein: Ein Android-Handy, dass immer noch auf Android 7.01 läuft, während aktuelle Modelle mit Android 9 am Markt sind, ist nun leider nicht mehr zeitgemäß.

    Mag sein, dass das Fairphone 3 mit dem großen crowdfunding Erfolg im Hintergrund alles auswetzt, wo man aktuell enttäuschen muss – aber ob ich dann wieder wechsele bleibt offen. Es ist halt immer ein gewisse Leidensbereitschaft notwendig, wenn man zu den ‚Firstmovern‘ gehören will – mag sein, dass ich mich damit wieder in Mainstream verabschiedet habe, aber es nicht immer schlimm, auch mal mit dem Strom zu schwimmen bzw. sich treiben zu lassen.

    Nachhaltig ist das Fairphone auf jeden Fall in Bezug auf die Werthaltigkeit: Gebrauchte Geräte lassen sich zu hohen Preise weiterverkaufen. So gesehen musste ich für meinen Ausflug in die Welt der nachhaltigen mobilen Telefonie nicht noch extra draufzahlen.

    Dieser Beitrag erschien zuerst unter https://anderesachen.blogspot.com/2019/02/uber-meinen-selbstversuch-nachhaltig-zu.html

  • Führung: Spuroptimierer als Vorbilder?

    Führung: Spuroptimierer als Vorbilder?

    Jeder kennt die Situation: Man steht im Stau und ständig gibt es andere Fahrer, die durch ständiges Spurwechseln versuchen, sich in der Kolonne um ein paar Positionen zu verbessern. Wir versuchen ruhig zu bleiben, denn wir wissen ja, dass dieses „Kolonnenspringen“ nichts bringt. Wir denken, dass wir den Blödmann sowieso bald wieder eingeholt haben und sehen ihn dennoch nicht wieder.

    Ist Spurwechseln nun cool oder kacke? Fragen wir Google nach Studien, so gibt es in erster Linie Treffer zu Zitaten von Verkehrsexperten, die sagen, dass zahlreiche Studien gezeigt hätten, dass häufiger Spurwechsel die Fahr- bzw. Wartezeit nicht verkürze – so zum Beispiel in der Aachener Nachrichten oder dem Hamburger Abendblatt. Treffer zu diesen zahlreichen Studien gibt es nicht.

    Und dann gibt es noch die „MythBuster“, die es einfach mal ausprobiert und nachgemessen haben und durch Spurwechseln einfach schneller durch jeden Stau gekommen sind, in den sie hineinfuhren. Ist diese Art der Spuroptimierung doch die bessere um schneller voranzukommen?

    Eigentlich weisen diese Selbstoptimierer alle Eigenschaften auf, die am Arbeitsmarkt gefragt sind: Sie sind wendig, mobil, flexibel, spontan und dynamisch. Sie legen einen Zwischensprint ein um ein gutes Teilergebnis erzielen zu können und sind am Ende früher am Ziel. Also: Echte Top-Typen fürs Business.

    Am Ende sind jedoch vermutlich die Gemeinkosten höher: Häufiger Spurwechsel erhöht das Unfall- und Staurisiko. Der Verkehr läuft am besten, wenn alle gleich schnell und mit ausreichenden Abständen fahren. Muss ein Fahrer plötzlich bremsen, entstehen Welleneffekte, die Phantomstaus verursachen. Kai Nagel und Micheal Schreckenberger können das auch irgendwie berechnen.

    Und natürlich können nicht alle Verkehrsteilnehmer zwischen den Kolonnen hin- und herspringen – wie immer geht der Erfolg Einzelner auf die Kosten der Allgemeinheit. Am Ende geht den Sprintern auch die Puste aus: Sie sind im Dauerstress, was dauerhaft nicht gesund sind. Hier entstehen weiter Gemein- als Folgekosten.

    Ich werde vermutlich weiterhin Spurtreue zeigen und auch ans Ziel kommen – ein paar Minuten später, dafür aber mit deutlich besseren Nervenkostüm und dauerhafterer Gesundheit.

    Dieser Beitrag erschien zuerst unter http://www.team40.org/fuehrung-spuroptimierer/

  • Abstrampeln war gestern…

    Abstrampeln war gestern…

    Ich nehme an, dass ihr die Fabel von Äsop mit den zwei Fröschen, die in die Milch fallen, alle kennt. Der Erste ergibt sich seinem Schicksal, geht unter und ertrinkt. Der Zweite strampelt sich ab und kann sich erschöpft auf einen Butterklumpen retten, den er durch das Milchtreten erzeugt hat.

    Ein schönes Bild, das häufig bemüht wird: Gib nicht auf! Strampel Dich ab! Du wirst es überleben – und am Ende liegst Du japsend auf dem Butterberg…

    Lange Zeit habe ich das auch geglaubt. Der erstrampelte Butterkloß unter den Füßen war so etwas wie ein Plateau beim fortwährenden Aufstieg, eine Zeit durchzuatmen, wieder zur Puste zu kommen, um dann den schweren Stein wieder bergan rollen zu können.

    Die Weihnachtszeit und der Jahreswechsel werden uns auch als Butter präsentiert: Es ist die besinnliche Zeit, um wieder zur Besinnung zu finden.

    Ich habe auch lange geglaubt, dass diese Metapher auch für den Lebenszyklus gelten würden. Ihr wisst schon: Die Sachen mit dem Säen und dem Ernten, dem Aufbauen und dem vor dem offenen Kamin-Sitzen… Ich dachte, irgendwann macht es ‚Plopp‘ und es geht nur noch sanft bergab durch sattgrüne Wiesen und Auen.

    Dem ist aber nicht so! Abstrampeln war gestern – jetzt heißt es Dauerstrampeln! Es gibt keine Pause, keinen Butterkloß und kein Plateau. Es wird immer schlimmer, immer steiler. Gut, dass wir schon so viele Jahre gestrampelt haben: So haben wir eine gut trainierte Beinmuskelatur und können pausenlos weiterstrampeln, um nicht unterzugehen.

    Äsop hat vor zweieinhalbtausend Jahren gelebt. Da war Milch noch Rohmilch und ließ sich durch Stampfen in Rahm und Butter verwandeln. Unsere homogenisierte, paseurisierte Milch von heute kann gestampft und gestoßen werden – außer Herumspritzen wird dabei nicht viel passieren. Das gilt auch für unsere modernes Leben: Es ist wurde ultrahoch erhitzt und zum Einheitsbrei gepresst – da kannste strampeln wie die willst, da passiert nichts.

    Dieser Beitrag erschien zuerst unter https://anderesachen.blogspot.com/2017/12/abstrampeln-war-gestern.html

  • Was ist eine „me Convention“? Und für wen ist sie gemacht?

    Was ist eine „me Convention“? Und für wen ist sie gemacht?

    Nach außen ist es eine Konferenz mit visionären Machern, aber eigentlich ist es die perfekte Markeninszenierung für den Daimler-Konzern – ein Coup der selbst erfahrene Markenprofis beeindrucken muss.

    Aber alles der Reihe nach: Die ‚me Convention‘ ist der europäische Ableger der SXSW – ’south by southwest‘ aus Austin. Nach Deutschland geholt hat sie Dieter Zetsche persönlich, indem er im Frühling 2017 nach Texas flog (dazu gab es ein lustiges Video, wie er als Flugbegleiter erzählt, worum es bei der SXSW geht) und sich dort einen Cowboyhut, Stiefel und eine eigene Convention kaufte.

    Ich muss zugeben, mich vor der ‚me Convention‘ nicht wirklich mit der SXSW auseinandergesetzt habe. Hätte ich es getan, hätte ich besser einordnen können, was mich erwartet. Die ’south by southwest‘ ist Ende der 1980er Jahre von einer Gruppe Personen gestartet, die über die Zukunft der Unterhaltung(sindustrie) und Medien diskutieren wollte. Daher geht es immer um Musik, Film und interaktive Medien. Es ist also eher auch Festival als nur Konferenz.

    Warum dieser historischer Ausflug? Mit diesem Vorwissen hätte ich in Frankfurt nicht so viele Fragezeichen gehabt bei diesem – wie Daimler es nennt – „internationale(n) Line-Up an Pionieren, Vordenkern, Abenteurern, Künstlern und Grenzverschiebern“.

    Die vier Vorträge, die ich hören konnte, waren interessant. Sehr gut vorgetragen – ohne Frage. Ich habe auch was gelernt. Ich lerne aber auch etwas von einem guten Blog-Beitrag oder einem ansprechenden Artikel in der Zeit oder ‚Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung‘. Mir war aber nicht ganz klar, wer die Zielgruppe ist?

    Ich sehe Leute, die sich von Konventionen verabschiedet und ausgetretene Pfade verlassen haben. Tolle Menschen – ganz ehrlich. Aber ich kann nicht tun, was sie taten und ich hecke nicht direkt eigene Projekte aus, wenn ich etwas von tollen Projekten anderer höre. Trotzdem fühlen sich alle inspiriert und das liegt daran, dass Gründer derzeit die Rockstars der Generation Golf sind. Während wir täglich wieder ins Hamsterrad steigen, um das Einfamilienhaus abbezahlen zu können, machen sie sinnvolle Sachen.

    Aber für wen die „me Convention“ tatsächlich gemacht wurde, erlebte man man vor Ort: Die „me Convention“ wurde für Daimler gemacht!

    Die hippe Konferenz war de facto mit dem Messestand der Stuttgarter Autobauer auf der IAA verwoben! Die Lounge der Convention war eine Art offener Balkon in der Ebene über der zentralen Präsentationsbühne – über und unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern strömte das Messepublikum zu den neuen Highlights. Wir sahen die Messebesucher und die sahen uns.

    Die Botschaft war klar: Daimler hat nicht nur neue Autos am Start, sondern auch die Hippster, die die Zukunft gestalten. Man konnte das Gefühl bekommen, die Convention sei nur ein weiteres, interaktives Exponat und jeder Teilnehmer ein Werbeträger für die Innovationskraft des Konzerns.

    Das klingt nun recht negativ – ist es aber nicht ganz: Ich war beeindruckt von dieser fantastischen Markeninszenierung! Ein bisschen perfide, aber grandios und ganz wie es Daimler immer wieder macht: ‚Warum sollte man sich auf einer Konferenz engagieren, wenn die Konferenz ein cooles Add-on auf meinem Messestand sein könnte?‘ mag man dort in der Marketingabteilung gedacht. „Disruptiv“ hat man beim Daimler verstanden.

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