Kategorie: Andere Sachen

  • Die Sache mit den Erinnerungen, der Katze und dem Äffchen

    Die Sache mit den Erinnerungen, der Katze und dem Äffchen

    Meine Freundin erinnert mich gerne daran, dass Erinnerungen sich verselbständigen können. Sie werden mit Erzählungen, Berichten und der eigenen Phantasie gerne ergänzt und überschrieben. Nichts sei trüglicher als die eigene Erinnerung – und das nehme mit dem Alter zu. Da ich nun jenseits der 50 bin, ist das Verfallsdatum vieler Erinnerungen bereits abgelaufen.

    Das habe ich auch auf einer Kurzreise mit Zwischenstopp in Bremen wieder einmal erleben müssen. Meine Eltern haben mich in meiner Kindheit bevorzugt durch Deutschland kutschiert – und ich erinnere mich gerne an diese Entdeckungsreisen durch mein Heimatland. So waren wir auch in Bremen und ich war vielleicht acht, neun oder zehn Jahre alt.

    Nachhaltig beeindruckt hatte mich der Bleikeller unter dem Bremer Dom. Als es nun mit gut 40 Jahren Zeitabstand wieder in die Hansestadt ging, konnte ich meiner Freundin lebhaft alles aus der schaurigen Gruft unter dem Dom schildern: Die unbekannte Gräfin, der vom Dach gestürzte Dachdecker und natürlich die Katze und das Äffchen, dass man in der bleihaltigen Luft aufgehängt habe, um den mumifizierenden Effekt des Kellerraumes zu testen beziehungsweise unter Beweis zu stellen.

    Es fing schon damit an, dass der „Bleikeller“ gar nicht unter dem Dom ist, sondern sich in einem Nebengebäude und dort nicht einmal so richtig im Keller befindet. Der „Dachdecker“ hatte eine Kugel im Rücken, was dafür spricht, dass er vermutlich auf der Flucht erschossen wurde, anstatt vom Dach gefallen zu sein. Gegen die unbekannte „Gräfin“ sprach, dass niemand zu der Zeit im Adel vermisst wurde. Der mumifizierende Effekt hat nichts mit Blei zu tun (der Keller hieß nur so, weil dort das Blei für die Dachschindeln gelagert wurde), sondern mit einer Sanddüne unter dem Dom, die alles vertrocknen lässt, was über ihr lagert. Wenigstens befand sich der Keller früher tatsächlich unter dem Dom – in soweit hatte meine Erinnerung mich nicht getäuscht.

    Was war aber nun mit der Katze und dem Äffchen, die mich als Kind nachhaltig beeindruckt hatten, wie sie dort verschrumpelt kopfüber von der Decke hingen? Wir fragten die Dame an der Einlasskontrolle: Sie werde immer wieder – besonders von den älteren Besuchern – nach der Katze und dem Äffchen gefragt, aber sie habe noch nie etwas davon gehört. Außerdem müsse sie den ganzen Tag über im Keller hocken, während draußen die Sonne scheine.

    Das war’s: Alles, was wir glauben zu wissen, ist Lug und Trug der eigenen Imagination. Ich fand’s eher deprimierend.

    Am nächsten Tag waren wir im Übersee-Museum – das ich natürlich auch ganz anders in Erinnerung hatte: Exotische Installationen waren einem unstrukturierten durcheinander gewichen und ich fragte mich, wo der ganze Plunder aus fernen Ländern geblieben war, den Generationen von Seefahrern mit zurück in die Hafenstadt brachten.

    Dafür gibt es das Schaumagazin: Ein fünfstöckiger, moderner, klimatisierter Anbau in dem alles archiviert wird, was nicht auf der Ausstellungsfläche gezeigt werden kann – bis zur Decke voll gestopft und vollgestapelt: ohne Ende Exponate.

    Eigentlich eher ermüdend als erhellend und so arbeiteten wir Etage für Etage mit zunehmend mangelhafter Konzentration ab. Ganz oben waren die Tiere: Ausgestopfte Vögel in allen Farben, Schubladen voller aufgespießter Insekten, Großkatzen, Fledermäuse, eingelegte Schlangen.

    Ganz oben, ganz hinten links stand noch ein Schrank mit Schubladen. Meine Freundin – die eigentlich mit dem Schaumagazin durch war – zog eine Schublade auf und rief mich gleich zu sich. Da waren sie: Katze und Äffchen aus dem Bleikeller unter dem Dom! Also hatte mich meine Erinnerung in diesem Punkt nicht getäuscht.

    Und was bleibt von der Reise nach Bremen? Erinnerungen können einen täuschen, starke Erinnerungen haben einen wahren Kern.

  • SchelSaZ = Die schlechteste Serie aller Zeiten?

    SchelSaZ = Die schlechteste Serie aller Zeiten?

    „Quatermain“ konnte gegen „Indiana Jones“ nie so richtig anstinken. Denkt man aber an „Quatermain“, dann denkt man zuerst an Richard Chamberlain und Sharon Stone – weniger an Patrick Swayze (bekannt aus „Schmutzigem Tanzen“) und Alison Doody (bekannt als „Nazi-Schlampe“ aus Indianer Jones III). Das zweiteilige Remake von 2004 tauchte bei Amazon Prime Video auf und ist eher ein wässeriges Süppchen als eine fetter Braten.

    Diese „Miniserie“ ist schon recht schlecht. Aber war eigentlich nur der Link über die Filmographie der weiblichen Hauptdarstellerin zu einen noch fragwürdigerem Produkt filmischen Schaffens, von dem ich bis heute keine Kenntnis hatte: „Der Ring der Musketiere“ – eine deutsch-amerikansiche Co-Produktion im Auftrag von RTL aus den frühen 1990ern. In den drei weiteren Hauptrollen mit David Hasselhoff (bekannt als der, der die Mauer niedergesungen hat), Thomas Gottschalk (bekannt aus „Zwei Nasen tanken Super“ und „Wetten dass…?“) und Cheech Marin (bekannt aus „Cheech und Chong“).

    Alles andere total unbekannt: Es wurden überhaupt nur vier Episoden produziert, die im Dezember 1992 einmalig versendet wurden. Keine Wiederholungen, keine Verwertung auf anderen Sendern und in den USA wollte es niemand ausstrahlen. Es gab weder DVD noch Streaming Veröffentlichungen. Wo doch sonst alles zumindest auf RTL Plus irgendwann wiederholt – aber dies ist eher eine Art Phantom-Serie!

    Und ist es so schlimm wie man vermuten könnte? Oh, ja! Es gibt wunderschöne Fön-Frisuren, einen unzusammenhängenden roten Faden, einen Sack voller Alt-Herren-Witze und David Hasselhoff singt. So haben die Kollegen vom „Quotenmeter“ die Mini-Serie auch auf dem „Fernsehfriedhof“ beerdigt.

    Die ersten beiden Episoden sind Dank Abfilmens vom Fernseher auf Youtube für die Ewigkeit konserviert wurden:

    Episode 1: Teil 01/01Teil 02/01Teil 03/01

    Episode 2: Teil 01/02Teil 02/02Teil 03/02

    Die ersten beiden Episoden hatten im Schnitt rund 6000 Zuschauer bei Youtube – Bibi von Bibis Beauty Palace hat locker stets über eine Million pro Clip. Über die anderen beiden Episoden hat der Mantel der Geschichte gelegt und sie dem digitalen Vergessen überantwortet.

    Für mich ist „Der Ring der Musketiere“ der perfekte Anwärter für den Titel „Schlechteste Serie aller Zeiten“ – und wer sind eure Favoriten?

  • Über meinen Selbstversuch, nachhaltig zu mobil zu telefonieren

    Über meinen Selbstversuch, nachhaltig zu mobil zu telefonieren

    Ich habe aufgegeben! Zugegeben: Die Idee von Fairphone ist großartig, fasziniert und reißt mit: Man kann auch Smartphone nachhaltig, sozial und ethisch produzieren! Keine menschenunwürdigen Bedingungen beim Schürfen notwendiger Spezialminerale und Erze, keine Sklavenarbeit bei der Montage und transparente Lohnstrukturen – alles Dinge, von denen die großen Produzenten sagten, man müsse sie leider in Kauf nehmen und das ließe sich nicht ändern.

    Darüber hinaus ist der modulare Aufbau eine tolle Idee: Geht es etwas kaputt oder sind andere Leistungsmerkmale gewünscht, können einzelne Komponenten ausgetauscht werden ohne gleich das ganze Gerät austauschen zu müssen.

    Genutzt habe ich das nie. Das ist so, wie die Menschen, die in der Großstadt wohnen, Dir alle Theater und Museum aufzählen, die sich so einfacher besuchen könnten, ohne in den vergangenen fünf Jahren in einem der Häuser gewesen zu sein.

    Und das alles noch per Crowdfunding finanziert. Eine wirklich tolle Geschichte, an der alles dran ist, was eine gute Geschichte braucht.
    War es übrigens beim Cargolifter auch – ein landeflächigen unabhängiges Lufttransport-System, das umweltfreundlich und sicher war. Hat nur leider nicht funktioniert.

    Community-Tipp: Lösch doch die Apps…

    Das Fairphone 2 funktioniert – im Groben und Ganzen. Auch wenn die Benutzung einen gewissen Enthusiasmus erfordert. Es gibt immer wieder Bugs, die man einfach akzeptieren muss. Aktuell lässt sich das Fairphone 2 bei Laden nicht an- und generell gar nicht wieder ausschalten. Das nennt sich dann der „never-turn-off-bug“ und wird in der Online-Community dokumentiert.

    Da muss man im Sinne einer Holschuld regelmäßig nachgucken, was mal wieder nicht funktioniert und warum. Dort sind auch alle höflich und hilfsbereit und ich glaube, es gibt kaum ein Produkt, bei dem der Support vorrangig durch die Kunden gewährleistet wird.

    Schon früh stellte ich fest, dass die Akkuleistung eher enttäuschend war. Nach gut sechs Monaten musste ich das Smartphone bis zu dreimal täglich aufladen. Es schaffte dann drei bis vier Stunden bei durchschnittlicher Nutzung.

    Hilfe kam auch hier aus der Community: Lösch doch einfach die Social Media Apps von dem Handy – das sind reine Stromfresser. Am besten wäre es, dass Phone ganz ohne Apps zu benutzen – das erhöhe die Akkulaufzeiten nachhaltig.

    Das kann es aber in modernen Zeiten nicht sein. Ich weiß, dass man ein paar Einschränkungen in Kauf nehmen muss, wenn man Gutes erreichen will. Meine Eltern haben in den 1980er Jahre schrumpeliges Öko-Gemüse in abgedunkelten Kellerläden gekauft und damit dazu beitragen, dass es überhaupt erstmal einen Nachfragemarkt nach ökologisch nachhaltigen Produkten gibt. Damals zog man als Schüler auch noch einen kratzigen Norwegerpullover an, wenn das Schaf glücklich war und Freunde ihn gestrickt hatten.

    Öko kann heute auch schick und funktional sein

    Heute geht öko und nachhaltig auch in schick und funktional. Aber das sollte es dann auch sein: Ein Android-Handy, dass immer noch auf Android 7.01 läuft, während aktuelle Modelle mit Android 9 am Markt sind, ist nun leider nicht mehr zeitgemäß.

    Mag sein, dass das Fairphone 3 mit dem großen crowdfunding Erfolg im Hintergrund alles auswetzt, wo man aktuell enttäuschen muss – aber ob ich dann wieder wechsele bleibt offen. Es ist halt immer ein gewisse Leidensbereitschaft notwendig, wenn man zu den ‚Firstmovern‘ gehören will – mag sein, dass ich mich damit wieder in Mainstream verabschiedet habe, aber es nicht immer schlimm, auch mal mit dem Strom zu schwimmen bzw. sich treiben zu lassen.

    Nachhaltig ist das Fairphone auf jeden Fall in Bezug auf die Werthaltigkeit: Gebrauchte Geräte lassen sich zu hohen Preise weiterverkaufen. So gesehen musste ich für meinen Ausflug in die Welt der nachhaltigen mobilen Telefonie nicht noch extra draufzahlen.

    Dieser Beitrag erschien zuerst unter https://anderesachen.blogspot.com/2019/02/uber-meinen-selbstversuch-nachhaltig-zu.html

  • Führung: Spuroptimierer als Vorbilder?

    Führung: Spuroptimierer als Vorbilder?

    Jeder kennt die Situation: Man steht im Stau und ständig gibt es andere Fahrer, die durch ständiges Spurwechseln versuchen, sich in der Kolonne um ein paar Positionen zu verbessern. Wir versuchen ruhig zu bleiben, denn wir wissen ja, dass dieses „Kolonnenspringen“ nichts bringt. Wir denken, dass wir den Blödmann sowieso bald wieder eingeholt haben und sehen ihn dennoch nicht wieder.

    Ist Spurwechseln nun cool oder kacke? Fragen wir Google nach Studien, so gibt es in erster Linie Treffer zu Zitaten von Verkehrsexperten, die sagen, dass zahlreiche Studien gezeigt hätten, dass häufiger Spurwechsel die Fahr- bzw. Wartezeit nicht verkürze – so zum Beispiel in der Aachener Nachrichten oder dem Hamburger Abendblatt. Treffer zu diesen zahlreichen Studien gibt es nicht.

    Und dann gibt es noch die „MythBuster“, die es einfach mal ausprobiert und nachgemessen haben und durch Spurwechseln einfach schneller durch jeden Stau gekommen sind, in den sie hineinfuhren. Ist diese Art der Spuroptimierung doch die bessere um schneller voranzukommen?

    Eigentlich weisen diese Selbstoptimierer alle Eigenschaften auf, die am Arbeitsmarkt gefragt sind: Sie sind wendig, mobil, flexibel, spontan und dynamisch. Sie legen einen Zwischensprint ein um ein gutes Teilergebnis erzielen zu können und sind am Ende früher am Ziel. Also: Echte Top-Typen fürs Business.

    Am Ende sind jedoch vermutlich die Gemeinkosten höher: Häufiger Spurwechsel erhöht das Unfall- und Staurisiko. Der Verkehr läuft am besten, wenn alle gleich schnell und mit ausreichenden Abständen fahren. Muss ein Fahrer plötzlich bremsen, entstehen Welleneffekte, die Phantomstaus verursachen. Kai Nagel und Micheal Schreckenberger können das auch irgendwie berechnen.

    Und natürlich können nicht alle Verkehrsteilnehmer zwischen den Kolonnen hin- und herspringen – wie immer geht der Erfolg Einzelner auf die Kosten der Allgemeinheit. Am Ende geht den Sprintern auch die Puste aus: Sie sind im Dauerstress, was dauerhaft nicht gesund sind. Hier entstehen weiter Gemein- als Folgekosten.

    Ich werde vermutlich weiterhin Spurtreue zeigen und auch ans Ziel kommen – ein paar Minuten später, dafür aber mit deutlich besseren Nervenkostüm und dauerhafterer Gesundheit.

    Dieser Beitrag erschien zuerst unter http://www.team40.org/fuehrung-spuroptimierer/

  • Abstrampeln war gestern…

    Abstrampeln war gestern…

    Ich nehme an, dass ihr die Fabel von Äsop mit den zwei Fröschen, die in die Milch fallen, alle kennt. Der Erste ergibt sich seinem Schicksal, geht unter und ertrinkt. Der Zweite strampelt sich ab und kann sich erschöpft auf einen Butterklumpen retten, den er durch das Milchtreten erzeugt hat.

    Ein schönes Bild, das häufig bemüht wird: Gib nicht auf! Strampel Dich ab! Du wirst es überleben – und am Ende liegst Du japsend auf dem Butterberg…

    Lange Zeit habe ich das auch geglaubt. Der erstrampelte Butterkloß unter den Füßen war so etwas wie ein Plateau beim fortwährenden Aufstieg, eine Zeit durchzuatmen, wieder zur Puste zu kommen, um dann den schweren Stein wieder bergan rollen zu können.

    Die Weihnachtszeit und der Jahreswechsel werden uns auch als Butter präsentiert: Es ist die besinnliche Zeit, um wieder zur Besinnung zu finden.

    Ich habe auch lange geglaubt, dass diese Metapher auch für den Lebenszyklus gelten würden. Ihr wisst schon: Die Sachen mit dem Säen und dem Ernten, dem Aufbauen und dem vor dem offenen Kamin-Sitzen… Ich dachte, irgendwann macht es ‚Plopp‘ und es geht nur noch sanft bergab durch sattgrüne Wiesen und Auen.

    Dem ist aber nicht so! Abstrampeln war gestern – jetzt heißt es Dauerstrampeln! Es gibt keine Pause, keinen Butterkloß und kein Plateau. Es wird immer schlimmer, immer steiler. Gut, dass wir schon so viele Jahre gestrampelt haben: So haben wir eine gut trainierte Beinmuskelatur und können pausenlos weiterstrampeln, um nicht unterzugehen.

    Äsop hat vor zweieinhalbtausend Jahren gelebt. Da war Milch noch Rohmilch und ließ sich durch Stampfen in Rahm und Butter verwandeln. Unsere homogenisierte, paseurisierte Milch von heute kann gestampft und gestoßen werden – außer Herumspritzen wird dabei nicht viel passieren. Das gilt auch für unsere modernes Leben: Es ist wurde ultrahoch erhitzt und zum Einheitsbrei gepresst – da kannste strampeln wie die willst, da passiert nichts.

    Dieser Beitrag erschien zuerst unter https://anderesachen.blogspot.com/2017/12/abstrampeln-war-gestern.html

  • Was ist eine „me Convention“? Und für wen ist sie gemacht?

    Was ist eine „me Convention“? Und für wen ist sie gemacht?

    Nach außen ist es eine Konferenz mit visionären Machern, aber eigentlich ist es die perfekte Markeninszenierung für den Daimler-Konzern – ein Coup der selbst erfahrene Markenprofis beeindrucken muss.

    Aber alles der Reihe nach: Die ‚me Convention‘ ist der europäische Ableger der SXSW – ’south by southwest‘ aus Austin. Nach Deutschland geholt hat sie Dieter Zetsche persönlich, indem er im Frühling 2017 nach Texas flog (dazu gab es ein lustiges Video, wie er als Flugbegleiter erzählt, worum es bei der SXSW geht) und sich dort einen Cowboyhut, Stiefel und eine eigene Convention kaufte.

    Ich muss zugeben, mich vor der ‚me Convention‘ nicht wirklich mit der SXSW auseinandergesetzt habe. Hätte ich es getan, hätte ich besser einordnen können, was mich erwartet. Die ’south by southwest‘ ist Ende der 1980er Jahre von einer Gruppe Personen gestartet, die über die Zukunft der Unterhaltung(sindustrie) und Medien diskutieren wollte. Daher geht es immer um Musik, Film und interaktive Medien. Es ist also eher auch Festival als nur Konferenz.

    Warum dieser historischer Ausflug? Mit diesem Vorwissen hätte ich in Frankfurt nicht so viele Fragezeichen gehabt bei diesem – wie Daimler es nennt – „internationale(n) Line-Up an Pionieren, Vordenkern, Abenteurern, Künstlern und Grenzverschiebern“.

    Die vier Vorträge, die ich hören konnte, waren interessant. Sehr gut vorgetragen – ohne Frage. Ich habe auch was gelernt. Ich lerne aber auch etwas von einem guten Blog-Beitrag oder einem ansprechenden Artikel in der Zeit oder ‚Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung‘. Mir war aber nicht ganz klar, wer die Zielgruppe ist?

    Ich sehe Leute, die sich von Konventionen verabschiedet und ausgetretene Pfade verlassen haben. Tolle Menschen – ganz ehrlich. Aber ich kann nicht tun, was sie taten und ich hecke nicht direkt eigene Projekte aus, wenn ich etwas von tollen Projekten anderer höre. Trotzdem fühlen sich alle inspiriert und das liegt daran, dass Gründer derzeit die Rockstars der Generation Golf sind. Während wir täglich wieder ins Hamsterrad steigen, um das Einfamilienhaus abbezahlen zu können, machen sie sinnvolle Sachen.

    Aber für wen die „me Convention“ tatsächlich gemacht wurde, erlebte man man vor Ort: Die „me Convention“ wurde für Daimler gemacht!

    Die hippe Konferenz war de facto mit dem Messestand der Stuttgarter Autobauer auf der IAA verwoben! Die Lounge der Convention war eine Art offener Balkon in der Ebene über der zentralen Präsentationsbühne – über und unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern strömte das Messepublikum zu den neuen Highlights. Wir sahen die Messebesucher und die sahen uns.

    Die Botschaft war klar: Daimler hat nicht nur neue Autos am Start, sondern auch die Hippster, die die Zukunft gestalten. Man konnte das Gefühl bekommen, die Convention sei nur ein weiteres, interaktives Exponat und jeder Teilnehmer ein Werbeträger für die Innovationskraft des Konzerns.

    Das klingt nun recht negativ – ist es aber nicht ganz: Ich war beeindruckt von dieser fantastischen Markeninszenierung! Ein bisschen perfide, aber grandios und ganz wie es Daimler immer wieder macht: ‚Warum sollte man sich auf einer Konferenz engagieren, wenn die Konferenz ein cooles Add-on auf meinem Messestand sein könnte?‘ mag man dort in der Marketingabteilung gedacht. „Disruptiv“ hat man beim Daimler verstanden.

    Dieser Beitrag erschien zuerst unter https://anderesachen.blogspot.com/2017/09/was-ist-eine-me-convention-und-fur-wen.html

  • Warum Klassentreffen doof sind

    Warum Klassentreffen doof sind

    Nachdem ich heute Vormittag gefühlt 500 Mal das Wort „Klassentreffen“ im Zusammenhang mit der re:publica in Berlin gelesen haben, muss ich mich doch glatt noch mal zu Wort melden: Klassentreffen sind kacke!

    Ganz besonders dann, wenn man nicht in dieser Klasse oder sogar nicht einmal an der selben Schule war. Dann ist mal völlig außen vor. Dann sieht und hört man nur einen Haufen lärmender, zu laut lachender, völlig unbekannter Menschen, die einander erzählen, was sie im Leben schon alles erreicht haben. Die blockieren den großen Ecktisch bei unserem Lieblings-Italiener und wir empfinden das nur noch als lästig und störend.

    Ein Treffen geschlossener Kreise – sei es ein Klassen- oder Familientreffen – wirkt auch auf Außenstehende nicht einladend. Niemand von den Insidern wird einen Outsider hineinbitten: „Es ist gerade so lustig bei uns, kommen Sie doch gerne noch dazu.“ Das ändert sich auch nicht, wenn man einige der ‚Meiers‘ kennt, aber eigentlich selber ein ‚Müller‘ ist.

    Blöd auch, wenn man immer in der b war, aber die a immer viel cooler war. Dann kennt man die alle noch, gehört aber nie wirklich dazu. Trotzdem darf man zuhören, was sie im Leben schon erreicht haben. Und wenn die aus der a am großen Ecktisch sitzen, bleiben die aus der b zuhause.

    Viele Menschen fühlen sich aber auch nicht einmal auf dem Treffen ihrer eigenen Klasse wohl. Eine Schulklasse ist ja auch keine Clique. Man hat nicht zu einander gefunden, weil man sich mag oder weil man gleich Hobbys hatte. Die Schulverwaltung hat die Klasse zusammengestellt – das einzig Verbindende: Der Wohnort und ein ähnliches Lebensalter.

    Da mag man sich als Schüler in einem Klassenverband zusammenzuraufen, aber als Erwachsene muss da nicht mehr mitmachen. Jetzt kann man Menschen aus dem Weg gehen, die man früher schon blöd fand. Man muss sich auch keine endlosen Erfolgsgeschichten anhören und es gibt auch keinen Notenspiegel unter der eigenen Arbeit mehr.

    Es mag nicht jeder in der Schulklasse doof gewesen sein, aber Freunde kann man auch so mal auf ein Bierchen treffen.

    Es mag sein, dass die re:publica ein ‚klasse Treffen‘ ist, aber hört auf, ständig vom „Klassentreffen“ zu sprechen.

    Ansonsten behält Gültigkeit, was ich bereits vor vier Jahren zum Treffen der ‚Digitalen Avantgarde‘ schrieb und bleibe der ewige Sitzenbleiber aus der b.

    Dieser Beitrag erschien zuerst unter https://anderesachen.blogspot.com/2016/05/warum-klassentreffen-doof-sind.html

  • Autofahren ist eigentlich irrational

    Autofahren ist eigentlich irrational

    Wenn man an Menschen denkt, die Angst vor dem Autofahren haben, kommt man nicht umhin ihnen in ihrer Sorgen eigentlich recht geben zu müssen: Wie bekloppt muss man eigentlich sein, dass man Auto fährt?

    Autofahren ist zunächst nichts anderes als eine Wette darauf, dass ausreichend viele Verkehrsteilnehmer sich an die Regeln halten. Niemand ist in der Lage das Verkehrsgeschehen vollumfänglich zu überblicken. Man muss auf das wahrscheinliche Verhalten Wildfremder hoffen. Kein rational denkender Mensch würde dies tun. Erfahrene Projektleiter müssten an den Unwägbarkeiten des Straßenverkehrs verzweifeln und Kontrollfreaks wäre die Benutzung von Autos geradezu unmöglich.

    Dass dennoch so viele Menschen Auto fahren, zeigt doch nur, wie unbekümmert sie sind oder wie wenig sie darüber nachgedacht haben. Oder dass sie einfach darauf angewiesen sind. Es zeugt von einem tiefen systemischen Vertrauen.

    Aber ein Vertrauen worauf? Letztendlich doch nur ein Vertrauen darauf, dass es funktioniert und meistens doch noch gut gegangen ist. Denn jeder weiß, dass im Straßenverkehr nichts fließen würden, wenn sich alle exakt an die Regeln hielten. Das System funktioniert nur, weil sich nicht alle daranhalten. Diese Unschärfe ist kalkuliert, aber nicht kalkulierbar. Damit sind nicht unverantwortungsvolle Verkehrsrowdys gemeint, sondern das Fahren „bei Gelb“, der Hauch einer Geschwindigkeitsüberschreitung im fließenden Verkehr.

    Es funktioniert also nur, weil unsere Steuerung „fuzzylogic“ ist. Es kann eben manchmal sinnvoll sein, auf seine Vorfahrt zu verzichten, damit der Transporter von der Kreuzung kommt und alle schneller weiterfahren können oder das Tempolimit nicht voll auszureizen.

    Und nun kommt ein autonomes Fahrzeug dazu. Ich stelle es mir komplex genug vor, es mit den geltenden Verkehrsregeln zu füttern und zu programmieren. Damit es aber sinnvoll im Verkehr mitfließen kann, muss es nicht logisch oder „fuzzylogic“ agieren und reagieren. Der Verkehr ausschließlich autonomer Fahrzeuge käme vermutlich recht schnell zum Erliegen.

    Beim Fraunhofer IAO fragt man sich, wie sich ein autonomes Fahrzeug mit einem Menschen verständigen könnte, zum Beispiel wenn dieser an einem Zebrastreifen steht, aber dem Auto signalisiert es müsse nicht anhalten und könne weiterfahren. Man spricht hier von Grauzonen des Regelwerks. Ich persönlich finde es spannend, wie das autonome Automobil antwortet. Denn wenn die Mensch-Maschine-Kommunikation verständigungsorientiert und erfolgreich sein soll, muss das Auto auch Antworten geben können, die der Mensch versteht. Ich bin mir nicht sicher, dass es wie Siri sprechen wird. Projektion und Licht sind hierbei interessante Ansätze – es müsste idealiter allgemeinverständlich sein.

    Ich glaube, dass diese neuen Formen der Mensch-Maschine-Kommunikation einer der aktuellen Mega-Trends der Digitalisierung ist, wie es in meiner Liste der aktuellen Trends Anfang des Jahres als „Trend Nr. 5“ erläutert habe.

    Ich werde mich weiterhin der Herausforderung Straßenverkehr stellen – auch wenn ich weiterhin denken werde, wie bekloppt muss ich sein, meine Gesundheit in die Hände von anderen zu legen. Total irrational. Sind doch nur Irre unterwegs – egal ob autonom oder nicht.

    Dieser Beitrag erschien zuerst unter https://anderesachen.blogspot.com/2016/04/autofahren-ist-eigentlich-irrational.html

  • Schlipslosigkeit als Statement

    Schlipslosigkeit als Statement

    Der Stoff um den Hals ist mir schon länger ein Dorn im Auge – aber eigentlich ist es nicht die Krawatte deretwegen ich eine selbige habe, sondern deren Abwesenheit. Ich habe nichts gegen offene Hemdkragen – weder privat noch im beruflichen Umfeld. Mich stört nur das reflexartige, unreflektierte Ablegen, sobald der Vorstand die Schlinge um den Hals als das männliche Machtsymbol nicht mehr zur Schau stellt.

    Auslöser der aktuellen Auslassungen war die Meldung, dass der Conti-Vorstand als Zeichen der Flexibilität der Krawatte abschwöre.

    Die Botschaft ist klar: Seht nur, wir machen uns mit der Belegschaft gemein. Wir sind einer von euch: Wir sind nicht mehr formal, sondern ‚easygoing‘, absolut ‚Silicon Valley‘ und startuppig, was das Zeug hergibt. Kaum fällt der Binder beim Top-Management, kaskadiert die Krawattenlosigkeit durch das Unternehmen: Niemand möchte mehr etwas baumeln haben, wo die Leitung Halsfreiheit hat.

    Dabei ändert sich auch ohne Schlips nichts. Es wird weiterhin nur für das eigene (Sand-) Kästchen innerhalb der Organigramms gedacht, nicht über den Tellerrand geguckt und der Silo versiegelt, damit das Denken diesem nicht entweichen kann. Ein reines Lippenbekenntnis, das aus Weglassen besteht. Man sollte meinen, weniger sei mehr, aber hier ist mehr oder weniger, weniger gar nichts. Alles bleibt wie es ist nur ohne Schlips.

    Hat man ernsthaft geglaubt, dass man die negativ besetzte Bezeichnung „Schlipsträger“ dadurch los wird, dass man keinen Schlips mehr trägt? Es geht dabei um Haltung. Und die lässt sich nicht Ablegen wie Stück Stoff. Ein verbohrter Machtmensch bleibt ein verbohrter Machtmensch, egal was er um den Hals trägt oder nicht.

    Für mich die Schlipslosigkeit kein Statement und ich schließe mich dem Trend auch nicht aus Bequemlichkeit an – ganz im Gegenteil: Je mehr das Ablegen von Krawatten nur eine inhaltsleere, symbolische Handlung ist, desto eher trage ich ganz bewusst wieder Binder, um mich von den schlipslosen „Schlipsträgern“ durch das Tragen eines Schlips abzuheben.

    Und wenn man dann eines Tages über die Entscheider und Führungskräfte nicht mehr abfällig als „Schlipsträger“, sondern „offene Hemdkragen“ spricht, dann trage ich Krawatte und zeige, dass ich nicht dazugehöre.

    Dieser Beitrag erschien zuerst unter https://anderesachen.blogspot.com/2016/03/schlipslosigkeit-als-statement.html

  • Ärsche fahren Audi

    Ärsche fahren Audi

    Langjährige empirische Studien als Verkehrsteilnehmer (in einem wackeren, aber altersschwachen Opel) haben ein klares Ergebnis zu Tage befördert: Die Ärsche fahren Audi!

    Die süddeutsche Marke des Wolfsburger Konzerns hat sich vom Rentner-Mobil mit Hut auf der Ablage zur Drängler-, Huper-, Schneider-Marke gemausert. Das alte Negativ-Image ist man damit auf jeden Fall los.
    Sagte man früher Mercedes nach, dass die Fahrzeuge „eingebaute Vorfahrt“ hätten, wird diese heute bevorzugt von Audis eingefordert. Sehe ich die vier Ringe auf der Autobahn im Rückspiegel, versuche ich die Bahn möglichst freizumachen, denn direkt nach der Lichthupe wird an meinen Kofferraum angedockt und nach dem erzwungenen Überholen wird vor mir abgebremst, damit mir klar ist, wer die Nase bzw. Schnauze nun vorne hat.
    Was unser einer im dichteren Verkehr als Sicherheitsabstand zum Vordermann betrachtet, ist für einen Audi-Fahrer die Lücke, die extra für ihn und sein Ego freigehalten wurde.

    Wenn die Linksabbieger-Spur leer ist, wird ein Audi auf ihr entlang schießen und am Spurende sich geradeaus wieder in den Verkehr zwängen. Alle anderen waren ja auch zu dumm, diesen kleinen Trick anzuwenden.
    Range Rover lagen auch nicht schlecht im Ranking der arschigen Fahrer – aber da kam ein Audi von hinten, hat mit 160 Lichthupe in der 30er Zone gesetzt und sich noch schnell vorgedrängelt. Gratulation!

    Es war auch klar, dass Fahrzeuge aus dem Premium-Segment auf Liste der Arschgeigen die Nasen vorne haben würden: Denn sie wissen, dass sie fahren können, wie sie wollen, denn die alten, abbezahlten und abgewrackten Autos werden immer ausweichen. Für uns Fahrer von Klapperkisten sind Unfälle wirtschaftliche Totalschäden, während der Boliden-Brauser einfach bei seiner Versicherung noch ein bisschen drauflegt und entstand den Ersatzwagen least.

    Ein Hinweis für alle beleidigten Audi-Fahrer:
    Bitte aufmerksam lesen! Ich habe nicht gesagt, dass alle Audi-Fahrer Ärsche sind, sondern nur dass rüpelhafte Autofahrer sich scheinbar gerne Audis zulegen. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Ich kenne auch viele Audi-Fahrer und -Fahrerinnen, die sich durchaus an die Verkehrsregeln halten.

    Dieser Beitrag ist zuerst erschienen unter https://anderesachen.blogspot.com/2015/12/arsche-fahren-audi.html